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Toast

GB 2010. R: S.J. Clarkson. B: Lee Hall. K: Balazs Bolygo. S: Liana Del Giudice. M: Ruth Barrett. P: BBC Films, Ruby Films, Screen West Midlands. D: Freddie Highmore, Helena Bonham Carter, Ken Stott, Victoria Hamilton, Oscar Kennedy, Ben Aldridge, Matthew McNulty u.a.
96 Min. MFA ab 11.8.11

Cooking of Age

Von Matthias Wannhoff »Normale Familien sind schrecklich überschätzt«, wird der kleine Nigel von seinem Schulfreund getröstet – »vermutlich wirst du einmal was Besonderes.« Der smarte Naseweiß soll recht behalten. Denn Leidenschaft kommt von Leiden, und Nigel, mit einer todkranken Mutter und einem cholerischen Vater gestraft, findet seine Bestimmung bald am heimischen Herd. Was bliebe ihm auch anderes übrig? Für die Mutter bedeutet Kochen, ungeöffnete Konserven ins Siedewasser zu werfen. Und am Ende, daher hat der Film seinen Titel, gibt es doch wieder nur Buttertoast.

Schließlich baut der Held dieses für die BBC gedrehten Comingof- Age-Stücks eine ganze Karriere auf Kalorien auf. Das wird zwar nicht gezeigt, ist jedoch kein Geheimnis: Denn Toast ist die verfilmte Biographie von Nigel Slater, der als Autor und Fernsehkoch längst zum britischen Medienadel gehört. Das Besondere an Slater ist nicht nur, daß er eher wie ein Oxford-Dozent als wie ein Gemüseschnibbler aussieht, sondern auch seine Vorliebe für Bratwurst und Rezepte, die auch mal vierzig Knoblauchzehen vorsehen dürfen. Ähnliche Töne schlägt S.J. Clarksons Film an, wenn der kleine Nigel unter seine Bettdecke kriecht, um hörbar erregt Fotos von Nudeln mit Hackfleisch zu bestaunen.

Dennoch und zum Glück ist Toast kein Psychogramm. Wer Slater nicht kennt, dürfte sogar kaum merken, daß er es mit einem Biopic zu tun hat. Denn das Leben des Portraitierten wirkt selbst, als habe der liebe Gott die spätere Verfilmung bereits im Hinterkopf gehabt. Das plötzliche Auftauchen eines ruppigen Hausmädchens etwa, das bald Nigels Stiefmutter – von Helena Bonham Carter erwartbar großartig gespielt – wird, birgt zwar eine Tragik, die der Film auch angemessen würdigt. Zugleich ist es köstlich, wie sich Biest und Filius bald ein kulinarisches Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, um des Hausherrens Gunst zu erlangen. Daß es biographische Vorgaben zu erfüllen gab, dämmert einem erst spät, als die Homosexualität des Helden etwas unvermittelt über die Erzählung hereinbricht. Doch dieser dramaturgische Zuckerschock paßt einfach zu gut zu Slaters Kochkunst, als daß man dem Film dafür böse sein könnte. 2011-08-08 16:32

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
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