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I'm Still Here

I'm Still Here – The Lost Year of Joaquin Phoenix. USA 2010. R,B: Casey Affleck. B: Joaquin Phoenix. K: Casey Affleck, Magdalena Gorka. S: Casey Affleck, Dody Dorn. M: Marty Fogg. P: They Are Going to Kill Us Productions.
107 Min. Koch Media ab 11.8.11

Performance des Scheiterns

Von Oliver Baumgarten Die Realität ist in Film und Fernsehen ja immer inszeniert. Was uns das Fernsehen aber seit einigen Jahren mit der sogenannten Scripted Reality beschert, also einer durch Laienschauspieler notdürftig nachgestellten Fernsehwirklichkeit, das erreicht qualitativ zumeist ein solch erbärmliches Niveau, auf das würde sich nicht einmal die Realität selbst herablassen. Dabei ist die Idee, Wirklichkeit nicht einfach zu behaupten, sondern sie filmisch ganz real zu erschaffen, überaus reizvoll. Und das fanden offenbar auch Joaquin Phoenix und Casey Affleck, zwei der derzeit spannendsten jungen Schauspieler in Hollywood: Gemeinsam ersannen sie mit der Figur des JP ein Alter ego von Joaquin Phoenix. Der eröffnete Ende 2008 der verblüfften Öffentlichkeit, sich von der Schauspielerei zurückzuziehen, um künftig als JP Hiphop zu machen. Casey Affleck, so vermeldeten die Branchen-News, würde mit einer Kamera den Aufstieg JPs im Musikgeschäft dokumentieren. Der Karrierewechsel zum erfolgreichen Musiker geht aber gründlich schief, JPs Rapversuche sind mehr als peinlich, und Joaquin Phoenix’ wesensfremden öffentlichen Auftritte in ungepflegtem Zottel-Look provozieren zum einen Fremdschämen und zum anderen Ben Stiller zu einer mitleidigen Phoenix-Parodie bei der Oscarverleihung 2009.

Drogen, Prostituierte, wirre Auftritte: Der Abstieg des Joaquin Phoenix vollzieht sich in der Öffentlichkeit – und so natürlich auch in der fantastisch gespielten und konsequent erdachten Scripted Reality I’m Still Here. Der Schauspieler Phoenix setzt sich darin brutalen Situationen aus, um die Figur Phoenix sowohl bei Auftritten als auch in den filmimmanenten Szenen mit seiner Entwicklung glaubhaft zu machen. I’m Still Here ist dabei aber weitaus mehr als nur ein medialer Gag, der die Promigeilheit der Öffentlichkeit entlarvt, sondern ein vielschichtiger Film übers Scheitern, über geplatzte Träume und tiefe Einsamkeit. Casey Affleck dokumentiert eine herausragend konsequente Performance von Joaquin Phoenix, angesiedelt irgendwo zwischen der Körperkunst der Wiener Aktionisten, Sacha Baron Cohen und dem Selbstzerstörungspotential eines Charlie Sheen. 2011-08-08 12:25

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
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