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Our Grand Despair

Bizim buyuk caresizligimiz. TR/D/ NL 2010. R,B: Seyfi Teoman. B: Baris Bicakci. K: Birgit Gudjonsdóttir. S: Cicek Kahraman. M: Sakin. P: Bulut Yapim, Circe Films. D: Ilker Aksum, Fatih Al, Günes Sayin, Baki Davrak, Taner Byrsel, Mehmet Ali Nuroglu, Beril Boz, Damla Kabakci, Durak Bülbül, Tamer Yurtbasi, Meliha Cörek, Ilker Burma, Selim Gürata u.a.
102 Min. Farbfilm ab 4.8.11

Mumblecore-Bromance

Von Robert Cherkowksi Egal ob Butch Cassidy und Sundance Kid, Dick und Doof oder Bud und Terence: Männerfreundschaften im Film sind heilig. Frauen kommen und gehen, doch echte Kumpels halten zusammen. Darauf ist Verlaß. »Bromance« nennt der Amerikaner die filmischen Laudationes auf die platonische Liebe zwischen Kerlen. Wo vergleichbare amerikanische Produktionen jedoch meist nur das komödiantische Potential der Bromantik ausschöpfen, macht Regisseur und Autor Seyfi Teoman mit Our Grand Despair ernst.

Auch hier muß es eine Form von Liebe sein, die Ender (Ilker Aksum) und Cetin (Fatih Al) verbindet. Zwar sind die beiden Istanbuler Junggesellen in den Mittdreißigern weder durch ein romantisches noch ein sexuelles Band miteinander verbunden, dennoch scheint ihre seit Jahrzehnten bestehende Freundschaft längst einen partnerschaftsähnlichen Zustand erreicht zu haben. Sie leben zusammen in einer aufgeräumten Männerwirtschaft, fahren zusammen in den Urlaub und tun auch sonst alles zusammen, um den abgedroschenen Vergleich vom »alten Ehepaar« heraufzubeschwören. Mehr als einmal wirken sie dabei, als wäre das seltsame Paar Walter Matthau/Jack Lemmon an den Euphrat gezogen. Klar, daß solch dicke Kumpanei früher oder später durch das Aufkreuzen einer Frau auf den Prüfstand gestellt wird. Als Nihal (Günes Sayin), die Schwester eines ihrer Freunde, durch einen Autounfall komplett verwaist, nehmen sie die schöne Kindfrau kurzerhand in ihrer WG auf, solange ihr Bruder im fernen Deutschland studiert. Es kommt, wie es kommen muß, die Beschützerinstinkte des Gespanns werden geweckt, und beide verfallen dem rehäugigen, verletzten Charme der elternlosen Kindfrau.

Wer nun schon das große melodramatische Unwetter am Horizont aufziehen sieht und bereits defätistisch Feel-bad- Kino der aufwühlenden Sorte mit allerhand Konkurrenzkampf, Entzweiung und zerbrochenen Freundschaften im tiefen Tal der Tränen erwartet, der sei entwarnt. Teoman nähert sich dem romantischen Konflikt auf unerwartet zivile Art. Als Ender und Cetin sich gegenseitig ihre Gefühle für Nihal beichten, ist es keine Wut und kein Platzhirschgebaren, sondern nur eine kurze, traurige Verstimmung, mit der fortan umgegangen wird. Spätestens da ist klar, daß Teomans Werk kein Drama der Weinkrämpfe, sondern des wehmütig-zuversichtlichen Seufzens ist. Geschrei und eitel-emotionale Nabelschau finden anderswo statt. Die »große Verzweiflung«, die der Titel noch androht, bleibt überraschenderweise aus. Vielmehr glänzt Teoman mit einem selbstbewußten Mut zum (verhaltenen) Happy End. Mehr als einmal erinnert Teomans sachte Erzählweise dabei an amerikanische Vertreter des »mumblecore«, jene betont unspektakulären Indie-Dramen, wie man sie von Mike Mills (Thumbsucker) oder Noah Baumbach (Kicking and Screaming) gewohnt ist. Mit seinen amerikanischen Vorbildern teilt er dabei das inszenatorische wie emotionale Understatement, mengt dem bekannten Rezept jedoch eine eigene, verschrobene Note bei.

Auch die Angst, daß sich die türkische Produktion in die x-te Auseinandersetzung mit dem komplizierten Wechselspiel von Tradition und Moderne in der muslimisch geprägten Welt verwandeln könnte, bleibt unbegründet. Kernige südländische Machos in der Krise, Kopftuchmädchen auf Konfrontationskurs mit dem misogyn gestimmten Umfeld gibt es hier ebensowenig wie den Rest der Konfliktpalette, über die das abendländische Arthouse-Publikum so gern mit gönnerhaftem Lächeln den Kopf schüttelt, während es sich dabei ziemlich engagiert vorkommt. Nix da. Das Türkeibild Teomans ist – wie auch die Seelenlandschaften seiner Helden – ein wenig düster-verhangen und in melancholisches Morgengrau getaucht, doch gleichzeitig voll rauer Schönheit und Intimität. Der Wandel, von dem Teoman berichtet, ist kleiner und rein privater Natur. Daß er mit so viel gegenseitigem Respekt, Verständnis und Nächstenliebe gelingt, macht Our Grand Despair zu einem sympathischen Kleinod, dem man gern nachsieht, daß es vielleicht ein wenig unspektakulär und harmoniebedürftig geraten ist. »Unsere große Verzweiflung« ist zu einer großen Verzückung des Publikums geraten. 2011-08-01 09:07

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