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Blue Valentine

USA 2010. R,B: Derek Cianfrance. B: Joey Curtis. K: Andrij Parekh. S: Jim Helton, Ron Patane. M: Grizzly Bear. P: Hunting Lane Films, Silverwood Films. D: Ryan Gosling, Michelle Williams, Faith Wladyka, John Doman, Mike Vogel, Marshall Johnson, Jen Jones, Maryann Plunkett u.a.
112 Min. Senator ab 4.8.11

Pretty Sad Baby

Von Susan Noll Am Anfang ist es ein trüber, aber sich langsam aufheizender Sommertag, an dem der Hund von Frankie sich aus dem Staub macht. Immer wieder ruft das kleine Mädchen nach seinem Spielgefährten, doch finden kann es ihn nicht. Genauso angespannt wie die Luft ist auch die Stimmung zwischen Frankies Eltern Cindy und Dean. Beide geben sich gegenseitig die Schuld am Verschwinden des Hundes. Ein kleiner Vorwurf von Dean ist es, wie oft er Cindy schon gesagt habe, daß sie das Tor schließen solle. In den ersten Filmminuten wird bereits viel über ihre Beziehung erzählt: Kleine Unstimmigkeiten, Banalitäten, die sich aber im eingefahrenen Kommunikationswirrwarr eines schon lange zusammenlebenden Paares zu großen Brüchen manifestieren. Der erste, ohnehin schon tiefgründige Eindruck ist aber zunächst nur ein leichtes Kratzen an der Geschichte von Cindy und Dean, die sich, in vielen Rückblenden erzählt, nach und nach auffächert und am Schluß zu einem stimmigen Bild zusammenfügt.

Blue Valentine ist zweifelsohne eine Liebesgeschichte, wie sie schon oft erzählt wurde. Doch fernab von Schmalz und Kitsch erzählt Regisseur Derek Cianfrance eine realistische Geschichte über das Entstehen und Vergehen von Liebe. Ein bißchen Romantik darf nicht fehlen, doch ist sie völlig angebracht, denn jede Beziehung beginnt mit romantischen Idealen, auch die von Cindy und Dean, die sich im Pflegeheim kennenlernen, wo Cindy ihrer Großmutter Gesellschaft leistet und an das Dean einen alten Mann übergibt. Daß zwischen den beiden schon von der ersten Minute an die zunächst Funken sprühende Spannung besteht, ist den überragenden Schauspielern Michelle Williams und Ryan Gosling zu verdanken. Diese Liebesgeschichte hätte wahrscheinlich mit keinem anderen Schauspielerpaar so überzeugend funktionieren können. Nicht nur ihre darstellerischen Fähigkeiten tragen zum Gelingen des Filmes bei, es ist auch ihre verdiente Reputation als die neuen Stars des amerikanischen Independentkinos, die sie für Blue Valentine als beste Besetzung erscheinen läßt. Michelle Williams hat mit Wendy und Lucy bewiesen, daß sie alle emotionalen Farben spielen kann und Ryan Gosling konnte in Half Nelson und Lars und die Frauen von seiner Darstellungsfähigkeit verletzlicher Figuren überzeugen.

Daß sich Blue Valentine selbst als Independentfilm verstanden wissen will und auch einiges dafür tut, ist an dieser Stelle absolut in Ordnung. Denn im Gegensatz zu anderen Produktionen, die sich dieses Label allzu gerne aufpappen, um von Beginn an als aus dem Rahmen der filmischen Konventionen fallend rezipiert zu werden, letztlich die damit verbundenen Versprechen aber nicht einlösen, ist dieser Anspruch hier nicht nur Mittel zum Zweck, sondern steht im Dienste einer Geschichte. 500 Days of Summer wäre als negatives Gegenbeispiel zu nennen, ein Film, der mit einer ähnlichen Erzählstruktur arbeitet, sich darin aber verzettelt, der zuckersüß ist, ohne wirklich zu berühren, dessen Figuren fremd bleiben. Blue Valentine dagegen bietet wahrhaftige Charaktere, die sich wandeln, die Ecken und Kanten haben. Die zum größten Teil improvisierten Dialoge wirken lebensnah und so fehlen den Protagonisten auch einfach manchmal die Worte, eben gerade dann, wenn in der Beziehung nichts mehr zu sagen ist, weil schon alles gesagt wurde und beide nicht mehr weiter wissen. Alles fügt sich in die große Erzählung der Liebe: die Szenen der Gegenwart, die auf digitalem Material gedreht wurden, und die Rückblenden auf Film. Beides hat seine eigene Ästhetik, doch der Unterschied ist nicht so groß, daß man ihn als nostalgischen Blick und Spielerei abtun würde. Intensiv wirken die Farben, stark das Spiel der Darsteller, die Kamera ist oft ganz nah bei ihnen. So mancher Streit wird schließlich erst zum Schluß verständlich, wenn die Geschichte von der Liebe zu Ende erzählt ist und sich im Feuerwerk des 4. Juli schließlich alle Gefühle zwischen Dean und Cindy entladen. Im Zusammenwirken mit dem Soundtrack der New Yorker Band Grizzly Bear, deren fiebrige, melodiöse, verletzlich wirkende Musik hier wie die Faust aufs Auge paßt, entsteht ein melancholischer, undistanzierter Blick auf ein Paar und das Suchen, Finden und Vergehen seiner Liebe. 2011-07-29 09:01

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