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Im Bazar der Geschlechter

A/D 2009. R,B: Sudabeh Mortezai. K: Arastoo Givi, Majid Gorjian. S: Oliver Neumann. P: FreibeuterFilm.
84 Min. W-film ab 4.8.11

1000 und/oder 1 Nacht

Von Martin Wertenbruch Filme aus und über den Iran verhießen zuletzt wenig Erfreuliches. So fehlten dieses Jahr in Cannes die beiden iranischen Filmemacher Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof. Der iranische Staat hat sie mit Berufsverbot und Hausarrest bestraft, weil sie vor zwei Jahren angeblich versucht haben sollen, einen Film über Wahlunruhen zu drehen.

Umso überraschender kommt Im Bazar der Geschlechter der iranischstämmigen Sudabeh Mortezai daher; nach Children of the Prophet (2006) ihr zweiter dokumentarischer Langfilm.

Entlang dreier Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, präsentiert sie die schiitische Institution der Zeit-Ehe. Demnach können ein Mann und eine Frau nach zuvor festgelegter Brautgabe eine Intim-Verbindung auf Zeit eingehen, die wahlweise zwischen einer Stunde und 99 Jahren andauern kann. Die verschiedenen Deutungsmuster dieser Tradition bergen Konfliktpotential, das einen guten Ausgangspunkt für eine filmische Betrachtung bildet.

Sudabeh Mortezai hat dafür tolle Protagonisten gefunden, denen jeweils eine gewisse Tragikomik innewohnt. Da ist die geschiedene, allein erziehende Mutter, für die eine Zeit-Ehe die einzige Möglichkeit einer legalen Liaison wäre. Nicht zuletzt von ihren Freundinnen weiß sie aber, wie unerfüllend der Status als Mätresse eines ansonsten regulär verheirateten Mannes sein kann. Ein einsamer Junggeselle sehnt sich indes nach einer Frau. Auf verbaler Ebene ganz pragmatisch, weil so viele Apartments nur an Ehepaare vermietet werden. Aber zwischen flotten Sprüchen verkörpert er geradezu die Sehnsucht nach trauter Zweisamkeit. Dritter im Bunde ist ein junger Mullah, der die Lehren des schiitischen Islams befürwortet und verteidigt. Er hat mit den zahlreichen Abweichungen, die der Alltag um ihn herum zu bieten hat, reichlich zu kämpfen, was ihn mitunter zu einer bemitleidenswerten Figur werden läßt.

Es ist ein facettenreiches, bisweilen humorvolles Bild, das hier anhand einer schiitischen Tradition gezeichnet wird. Es mag an genau dieser Vielschichtigkeit liegen, daß es dramaturgisch etwas unrund geworden ist. 2011-07-28 12:54

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
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