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Nichts zu verzollen

Rien à declarer. F 2011. R,B: Dany Boon. B: Yaël Boon. K: Pierre Aïm. S: Luc Barnier. M: Philippe Rombi. P: SCOPE Invest. D: Dany Boon, Philippe Magnan, Nadège Beausson-Diagne, Zinedine Soualem, Guy Lecluyse, Benoît Poelvoorde, Christel Pedrinelli, Joachim Ledeganck, Julie Bernard, Jean-Paul Dermont u.a.
108 Min. Prokino ab 28.7.11

Asterix im Niemandsland

Von Nicole Ribbecke Wir befinden uns im Jahre 50 v. Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Im vorliegenden Fall, oder besser gesagt Film, befinden wir uns im Jahre 1993, das Dorf ist das französisch-belgische Grenzörtchen Courquain und einen unbeugsameren Gallier als den belgische Erde verteidigenden Grenzbeamten Ruben Vandevoorde hat es nie gegeben. Wir schreiben demnach das Jahr, in dem nicht allein Gallien seine innereuropäischen Grenzen öffnet, das Schengener Abkommen die stationären Grenzkontrollen abschafft und der M aastrichter Vertrag über die europäische Union die bilateralen Beziehungen so mancher EU-Nachbarländer auf den Prüfstand stellt. Maßnahmen, die nichts als Verachtung seitens Vandervoorde hervorrufen, der buchstäblich dafür betet, die bestehenden Barrieren mögen sich verhärten, statt sich brüderlich aufzulösen.

Nichts zu verzollen illustriert jedoch mitnichten die Realität europäischer Integration, bildet stattdessen, als leicht überzogene Komödie, die direkte thematische Fortführung zu Willkommen bei den Sch’tis, Dany Boons liebevolle Hommage an seine Heimat Nord-Pas-de-Calais. Wieder übernahm er eine Hauptrolle und wieder geht es ihm um festzementierte Vorurteile und die Möglichkeit der Überwindung solch durch Unwissenheit und Ignoranz herbeigeführter Grenzen. Im Grunde sei ihm dies als edles Vorhaben im liebevollen Mantel der komödiantischen Verharmlosung gewährt sowie der weltweit wirkende Triumph gegönnt.

Doch wo uns bei den Sch’tis die regionalen Eigenarten der liebenswerten Nordfranzosen schon zu Beginn des Films eine charmante Verbrüderung versprechen, schlägt uns bei Nichts zu verzollen mit dem Zollbeamten Vandervoorde blanker Haß entgegen. Benoît Poelvoorde mimt selbigen mit fast erschreckend glaubwürdiger Aggression. Lädt das nächtliche Versetzen der Landesgrenze des »Großkönigreichs Belgien «, während gegenüber dem Nachwuchs die belgische Zugehörigkeit der Sterne erläutert wird, noch zum Schmunzeln ein, schießt die Schikane der Nachbarbürger, die Androhung roher Gewalt und der dem Sohn oktroyierte Fremdenhaß, der selbst nach Auflösung des Konflikts vor Ressentiments auch gegenüber außereuropäischer Kulturen nicht Halt macht, weit über das Ziel hinaus. Eine solch harsche Aversion benachbarter Sitte und offen gezeigte Bereitschaft, diese durch grobe Gewalt zu untermauern ist selbst in der hier bis zur Karikatur überzeichneten Form kaum erträglich.

Funktionieren mag die persiflierende Übertreibung des Films an ganz anderer Stelle, ein schrottreifer R4 wird zu einem The Fast and the Furious-Verfolgungsschlitten aufgemotzt und dient alsdann rasanten Gendarmen-Szenerien – dort, mithilfe eines energielosen Schnüffelhundes und völlig vertrottelter Drogenschmuggler wird man an die Blütezeit des französischen Slapstick- Kinos erinnert, vor dem sich Boon hier zärtlich verbeugt. Prädestinierend auch, daß Promenadenmischung und Autowrack dem französisch-belgischen Patrouillendienst zur Verfügung gestellt werden, dem Pilotprojekt, welches die bestehende Fehde beenden, Vandervoorde und sein belgisches Pendant Ducatel zur Kooperation animieren soll. Versprüht Boons Komödie also ab diesem Moment der Harmonisierung ihren wahren Charme, so verdeutlicht dies umso mehr, daß er für aus angespannter, aber steter Annäherung hervorgehende Situationskomik ein wesentlich feinfühligeres Gespür beweist. Das Miteinander obsiegt in diesem europäischen Konflikt nicht nur im Hinblick auf ethische Überlegungen sondern auch zu Gunsten des Filmgenusses. Doch wieder enttäuscht der belgische Zollbeamte uns und den Klerus der Grenzstadt durch berechnende Vorspiegelung kollegialer Gesinnung, die Idylle entpuppt sich als Winkelzug.

So ist nicht nur die örtliche Kneipe, »No Man’s Land«, ins Grenzgebiet verbannt, auch Vandervoorde ist außerstande, sein selbst geschaffenes Niemandsland zu verlassen. Sind die lokal benachbarten Spannungen, jedoch lediglich durch verwandtschaftliche Bande, beigelegt, sucht und findet er flugs neue Feindbilder, derer er sich leidenschaftlich bedient. Und die Inbrunst, mit der er diese an die nachfolgende Generation weitergibt, sorgt dafür, daß einem das Lachen im Halse stecken bleibt. 2011-07-21 17:10

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