— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Ein Sommersandtraum

Der Sandmann. CH 2011. R,B: Peter Luisi. K: Lorenz Merz. S: Claudio Cea. M: Michael Duss, Christian Schlumpf, Martin Skalsky. P: Spotlight Media Production AG . D: Fabian Krüger, Irene Brügger, Beat Schlatter, Florine Deplazes, Siegfried Terpoorten, Kaspar Weiss u.a.
91 Min. Neue Visionen ab 21.7.11

Morgenstund mit Sand im Mund

Von Gerrit Booms Alles beginnt mit einem offenen Nachbarschaftsstreit, ausgefochten zwischen Benno und Sandra mit dem ehrlichsten an Vokabular, das man sich in einer solchen Situation vorstellen kann. Der eitle, arrogante und obendrein unpassend schick gekleidete Briefmarkensammler kann die musikalischen Gehversuche der ach so stupiden und häßlichen Cafékellnerin aus der unteren Etage einfach nicht mehr ertragen. Im Gegensatz zu einem Bauerntrampel weiß der Beethoven-Liebhaber, daß die Ohren nachts zu atmen haben. Doch die unterschwelligen Sticheleien und offenen Beschimpfungen haben ein Ende, als ausgerechnet Sandra zur wichtigsten Helferin in einem bedrohlichen Kampf zu werden scheint. Denn plötzlich findet Benno überall Sand; im Kaffee, in den Briefmarken, in seinem Bett – und träumt sich unbegreiflicherweise ausgerechnet mit der häßlichen Kuh von unten zusammen. Wo ist da der Zusammenhang? Es muß einen geben. Doch niemand kann helfen, weder der Arzt noch der Psychotherapeut, weder die Freundin noch der Fernsehseelsorger. Im Gegenteil: Während mit dem Sand faktisch auch immer mehr von ihm davonrieselt, fallen jene nur in einen tiefen Schlaf. Endlich begreift auch der Besserwisser, daß es erstens einen Zusammenhang zwischen Sand und Traum gibt und es zweitens verdammt ernst um ihn steht. Also macht sich Benno auf die Suche nach dem Geheimnis und springt durch die Dimensionen, von der Wohnung ins Café, vom eigenen Wachtraum in den der verhaßten Nachbarin.

Peter Luisi gelingt mit Buch und Regie zu Ein Sommersandtraum eine unvergleichliche Parabel auf die Suche nach dem Sinn. Sein altkluger Protagonist ist ein Paradeexemplar des egozentrischen Menschen, nichts im Kopf als das Bild von sich selbst, das Gefühl von sich selbst – und ohne eine Idee davon, was so ein Selbst tatsächlich ist. Es braucht ein unübersehbares Stigma, um ihn zum Denken zu bringen. Vielleicht war es dieser Fakt, der das Publikum beim Max-Ophüls-Preis überzeugte, vielleicht die durch alle Ressorts zu lobende künstlerische Leistung, ein so absurdes und doch charmantes Märchen zu kreieren. 2011-07-19 13:09

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap