— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Belgrad Radio Taxi

Zena sa slomljenim nosem. SRB/D 2011. R,B: Srdjan Koljevic. K: Goran Volarevic. S: Marko Glusac. M: Mario Schneider. P: Neue Mediopolis Filmproduktion, Film House Bas Celik. D: Nebojsa Glogovac, Anica Dobra, Branka Katic, Vuk Kostic, Nada Sargin, Jasna Zalica u.a.
101 Min. Farbfilm ab 21.7.11

Mäßiger Empfang

Von Asokan Nirmalarajah Griffith, Renoir und Altman haben es formvollendet vorgemacht. Jarmusch, Anderson und Tarantino haben es ihnen ambitioniert nachgemacht. Und Kar-wai, Iñárritu und Arriaga konnten bis vor kurzem noch nicht damit aufhören, uns so immer wieder beeindrucken zu wollen. Die Inszenierung, ach was: die Orchestrierung eines Films mit mehreren miteinander verflochtenen Erzählsträngen und einander identifikatorisch ebenbürtigen Figuren bedarf also einer durchaus nicht geringen künstlerischen Hybris. Die Zuschauer, so zumindest die Theorie, danken es den ambitionierten Filmemachern dann mit ihrer großen Bewunderung für so viel erzählstrukturelle Ambition und inhaltlichen Reichtum, aus denen man in den besten Fällen ein abwechslungsreiches Panorama alltäglicher Höhen und Tiefen und einen umfassenderen Einblick in die kleinen und großen Verbindungen zwischen den mitunter doch äußerst eigentümlichen Erdenmenschen gewinnen kann. Manchmal aber – so wie auch in der zweiten, mittelmäßigen Regiearbeit des renommierten serbischen Drehbuchautors Srdjan Koljevic – ist ein Erzählstrang so interessant, eine Figur so einnehmend, daß jeder weitere Handlungspfeiler wie überflüssiges Füllmaterial erscheint.

Belgrad Radio Taxi erzählt zwar auch von den letzten Tagen einer Belgrader Radiostation, die in den Auto- und Wohnungsradios der drei Protagonisten des Films zu hören ist, doch der internationale, wörtlich übersetzte Titel The Woman with a Broken Nose benennt genauer den seltsamen Auslöser für ihre Lebenskrisen. Ein grimmiger bosnischer Taxifahrer (herrlich: Nebojsa Glogovac), eine scheue, traumatisierte Gymnasiallehrerin (Anica Dobra) und eine einsame, liebeskranke Apothekerin (Branka Katic) werden Zeugen des Selbstmordversuchs einer jungen Frau mit Kind auf einer dichtbefahrenen, verregneten Brücke. Der Schock löst in ihnen verschiedene Lebensentscheidungen aus, die aber nur in einem Fall spannende Entwicklungen nehmen. Von den drei unkonventionellen Liebesgeschichten des Films ist nur die zwischen dem Taxifahrer und dem Baby, das die wirre Frau mit der gebrochenen Nase in seinem Taxi zurückgelassen hat, mit putzigen Wendungen und rabiatem Humor gesegnet. Das heißt nicht, daß Dobra und Katic ihrem Kollegen Glogovac mimisch unterlegen sind, gerade die talentierte Katic ist dem charismatischen Star des Films in ihrem herben Charme gewachsen. Nur leider ist das biedere Liebesdrama ihrer Figur lange nicht so interessant wie ihr Spiel. Koljevic erzählt zurückhaltender als die Regiegrößen, die ihm im Genre vorausgegangen sind, und mit großer Sympathie für die gescheiterten Existenzen, die als Traumatisierte gegen ihre eigenen Interessen handeln. Doch das in ihren kleinen lokalen Details hübsche Zeitdokument eines Belgrads im Umbruch von einer kriegerischen Vergangenheit hin zu einem neuen, lebensbejahenden Optimismus ist letztlich zu belanglos und konstruiert. Daran können auch die herzlichen Balkanschlager auf dem Soundtrack und die atmosphärisch stimmigen Stadtbilder von Goran Volarevic nur wenig ändern. 2011-07-18 13:02

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap