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Nader und Simin – Eine Trennung

Jodaeiye Nader az Simin. IR 2011. R,B: Asghar Farhadi. K: Mahmoud Kalari. S: Hayedeh Safiyari. M: Sattar Oraki. P: Asghar Farhadi. D: Leila Hatami, Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Sareh Bayat, Sarina Farhadi, Babak Karimi, Ali-Asghar Shahbazi, Shirin Yazdanbakhsh, Kimia Hosseini, Marila Zare’i u.a.
123 Min. Alamode ab 14.7.11

Was uns trennt

Von Marieke Steinhoff Als Asghar Farhadis Wettbewerbsbeitrag Nader und Simin dieses Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, war man sich recht schnell einig, daß die Jury hiermit ein politisches Zeichen setzen wollte im Angesicht der Inhaftierung des regimekritischen Regisseurs Jafar Panahi und neuerlicher Proteste gegen das Regime in Teheran. So wichtig das Verweisen auf den leeren Stuhl des Jury-Mitglieds Panahi und der Fokus auf den iranischen Film im Rahmen der Berlinale auch war, so falsch wäre es wiederum, den Gewinn des Goldenen Bären für Farhadi auf die politische Signalwirkung zu reduzieren: Zum einen, da Farhadi mit Nader und Simin ein grandios inszeniertes, komplexes Portrait zweier Familien gelungen ist, was man als solches erst einmal würdigen sollte, zum anderen, da der Film sich jeglicher offener Kritik am Regime enthält.

Nader und Simin beginnt als Beziehungsdrama. Die erste Einstellung zeigt einen Mann und eine Frau nebeneinander sitzend, sie sprechen direkt in die Kamera, versuchen vehement, ihre jeweiligen Standpunkte zu erklären. Simin will sich scheiden lassen, da ihr Mann Nader sich weigert, mit ihr und der gemeinsamen Tochter Termeh ins Ausland zu gehen. Simins Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Tochter im Ausland kollidiert mit Naders Verantwortungsgefühl gegenüber seines demenzkranken Vaters, wegen dem er den Iran nicht verlassen möchte. Eine Einigung scheint unmöglich. Trotzdem wird dem Paar die Scheidung von dem zuständigen Familienrichter verwehrt. Was folgt, ist ein Familiendrama. Simin zieht zurück zu ihren Eltern, ihre Tochter, hin- und hergerissen zwischen den beiden Elternteilen, bleibt vorübergehend bei Nader. Dieser engagiert für die Pflege seines kranken Vaters die junge Mutter Razieh, die alsbald überfordert wirkt mit der Betreuung des alten Mannes. Ihre Lebensumstände bleiben mysteriös, erst nach und nach erfährt man, daß sie ohne die Erlaubnis ihres verschuldeten und an Depressionen leidenden, arbeitslosen Ehemannes arbeitet – und auch sonst scheint sie viel zu verheimlichen. Die Situation eskaliert, als Razieh Naders Vater ans Bett angebunden alleine in der Wohnung läßt und dieser fast stirbt. Nader wirft Razieh aus dem Haus, diese erleidet kurz danach eine Fehlgeburt und beschuldigt Nader des Mordes an ihrem ungeborenen Kindes. Die beiden Familien sehen sich vor Gericht wieder, eine moderne Mittelstandsfamilie gegen eine strenggläubige Familie aus armen Verhältnissen, und aus dem Familiendrama wird ein Sozialdrama.

Farhadi schafft es, aus einer höchstprivaten Situation heraus ein hochspannendes Gesellschaftsportrait zu entwickeln, bei dem keine Szene, kein Wort und keine Geste zu viel ist und bei dem man nie weiß, was als nächstes passieren wird. Gemeinsam mit den Figuren befindet sich der Zuschauer so auf der Suche nach der Wahrheit, die Farhadi nach und nach enthüllt – um am Ende festzustellen, das diese nicht von Bedeutung ist. Es sind die individuellen Beweggründe der handelnden Figuren, denen hier einzig und allein Relevanz zugemessen wird, und daß diese nicht miteinander vereinbar sind, macht die eigentliche Tragödie aus.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die Nähe, die Farhadi zu den doch sehr unterschiedlichen Charakteren aufzubauen vermag – jegliche intellektuelle Distanz meidet er, weder Zynismus noch Besserwisserei scheinen durch, wenn es darum geht, die unterschiedlichen Positionen zu beleuchten und das Aufeinanderprallen dieser zu beobachten. Farhadi liebt alle seine Figuren und nimmt ihre jeweiligen Probleme ernst. Dieser Parteilosigkeit und natürlich auch den schauspielerischen Leistungen des gesamten Ensembles ist es zu verdanken, daß alle Handlungen, so konträr sie einander auch gegenüber stehen mögen, nachvollziehbar bleiben.

Der Widerstreit ist dabei nicht zwingend an den iranischen Kontext gebunden, sondern in andere Gesellschaften übersetzbar, geht es doch weniger um einen geographisch oder kulturell zu definierenden Konflikt, denn um Trennlinien, die universell sind: die zwischen arm und reich, wie sie anhand der beiden Familien veranschaulicht werden, und die Trennlinien, die im Privaten entstehen, wenn sich Lebensentwürfe nicht mehr miteinander decken wollen. Ein humanistischer Film ist Farhadi hier gelungen, aber kein regimekritischer. 2011-07-12 18:25

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