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Barney’s Version

CDN/IRL 2010. R: Richard J. Lewis. B: Michael Konyves. K: Guy Dufaux. S: Susan Shipton. M: Pasquale Catalano. P: Serendipity Point Films, Fandango. D: Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Minnie Driver, Rachelle Lefevre, Scott Speedman, Bruce Greenwood, Macha Grenon, Paul Gross, Mark Camacho, David Pryde, Paula Jean Hixson, Mark Addy u.a.
134 Min. Universal ab 14.7.11

Verlogene Liebesmüh

Von Asokan Nirmalarajah Im Anschluß an die alljährlichen Preisverleihungen der Filmindustrie an ihre wohl nie genug gewürdigten Mitglieder machen sich meinungsbildende Berichterstatter nicht selten einen Spaß daraus, zu mutmaßen, was die jeweilige Jury wohl bewogen haben mag, sich so oder so zu entscheiden. Als dieses Jahr der Golden Globe für den besten Hauptdarsteller in einem Musical oder in einer Komödie an Paul Giamatti für seinen mimischen Kraftakt in der epischen Tragikomödie Barney’s Version ging, war man sich schnell sicher, daß es sich bei der Wahl nur um den Versuch einer Schadensbegrenzung handeln könne. Hatte sich der Auslandspresseverband Hollywood doch bei der ohnehin uninspirierten Auslese in besagter Kategorie mit der Doppelnominierung des medienwirksamen Johnny Depp für Alice im Wunderland und The Tourist zwei unfreiwillig komische Fehlgriffe geleistet. Bei den darauffolgenden Oscars gab es für Giamattis durchwachsenes Starvehikel, eine kanadisch-italienische Koproduktion, die bei den Genie Awards der kanadischen Filmindustrie noch mächtig abgeräumt hatte, dann nur noch eine Nominierung für das beste Make-up. Und in der Tat ist der mehrere Jahrzehnte umspannende Alterungsprozeß der mal glücklich, mal unglücklich verliebten Narzißten, Chaoten und Neurotiker, die den hochkarätig besetzten, gefällig gestalteten Liebesreigen des routinierten Fernsehregisseurs Richard J. Lewis bevölkern, technisch gut in Szene gesetzt. Der Film selbst enttäuscht jedoch als ein unausgegorenes Liebesdrama.

Im Mittelpunkt der dramaturgisch ungelenken, mit Figuren und Nebenhandlungen vollgestopften Adaption des gleichnamigen Romans des renommierten kanadischen Schriftstellers Mordecai Richler steht mit Giamatti einer der interessantesten und meistbeschäftigten Charakterdarsteller Hollywoods. Bei seinem rapiden Aufstieg von einem der gefragtesten Nebendarsteller des US-Mainstreamfilms der späten 1990er und frühen 2000er Jahre zum unkonventionellen Leading Man tragikomischer Independentdramen wie seinem Glanzstück Sideways hat er sich aber auch einige mitunter störende schauspielerische Manierismen angeeignet. Und wenn man dann, wie Lewis hier, die große Leidenschaft des gern vollbärtig agierenden Babygesichts für die Schauspielerei nicht so recht zu zügeln oder in die richtigen Bahnen zu lenken weiß, dann entgleisen die weichen Gesichtszüge, der Blick wird immer irrer, und schließlich verfällt Giamatti gar in seine affektierte Flüsterstimme. Auch in der Rolle eines arroganten, liebeskranken Fernsehproduzenten mit bewegter Vergangenheit als Pariser Künstler darf er sich wieder hemmungslos und wenig subtil austoben. Auf seiner verzweifelten Suche nach der großen Liebe darf er hier oft seinen untreuen Frauen (immerhin so hübschen Grazien wie Rachelle Lefevre, Minnie Driver und Rosamund Pike), die ihn mit seinen Freunden hintergehen, und einmal sogar auch seinem jüdischen Polizistenvater Izzy in einer hochemotionalen Abschiedsszene nachtrauern, als dieser in einem Bordell stirbt.

Gespielt wird dieser kauzige, sympathische Izzy von einem brillant aufgelegten Dustin Hoffman, der der engagiert spielenden, aber vom bemüht-rührseligen Drehbuch und der konventionell-schlichten Inszenierung immer wieder im Stich gelassenen Besetzung reihum Szenen stibitzt. In den wenigen gemeinsamen Auftritten mit der unermüdlichen Schauspiellegende wird Giamattis exzessive, manchmal etwas zu selbstgefällige Schauspiellust dann auch endlich einmal gebremst, sodaß die mal hastige, mal schlendernde Handlung des Films etwas von seiner Vitalität profitiert. Die meiste Zeit allerdings macht er sich neben den eintönig agierenden Nebendarstellern, die sich mit schablonenhaften Figuren begnügen müssen, des Overactings schuldig. Bekannte Film- und Fernsehgesichter wie Scott Speedman, Bruce Greenwood und Mark Addy wirbelt Giamatti hier regelmäßig von der Leinwand, während er sich aber neben erfahreneren Mimen wie Saul Rubinek und Harvey Atkin, die beide in kleinen, aber starken Auftritten als seine eigenwilligen, urkomischen Schwiegerväter glänzen, respektvoll zurückhält. Die Klinke in die Hand geben sich – eine der wenigen putzigen Kuriositäten des Films – hier auch einige kanadische Filmemacher in amüsanten Cameos, darunter so illustre Namen wie Atom Egoyan, Denys Arcand, Ted Kotcheff und David Cronenberg. 2011-07-12 18:18

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