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Swans

D/P 2011. R,B: Hugo Vieira da Silva. K: Reinhold Vorschneider. S: Andrea Wagner. P: Flying Moon Filmproduktion, Contracosta Producoes Ltd. D: Kai Hillebrand, Ralph Herforth, Maria Schuster, Vasupol Siriviriyapoon u.a.
120 Min. Salzgeber ab 14.7.11

Identität der Stille

Von Cornelis Hähnel Die Ungastlichkeit der Großstadt – und vor allem die von Berlin – ist ein stets wiederkehrendes Motiv des deutschen Autorenfilms. Und auch in Swans korrelieren monotones Ödland und emotionaler Leerlauf. Ein Teenager kommt mit seinem Vater nach Berlin. Seine Mutter, die er bis dato noch nicht kannte, liegt im Wachkoma. In den Plattenbauten der Gropiusstadt finden sie Unterschlupf bei der mysteriösen K., einer Freundin der Mutter. Vater und Sohn versuchen, jeder auf seine Weise, mit dem Schicksal umzugehen.

Regisseur Hugo Vieira da Silva inszeniert seinen Film mit formaler Strenge, kalt und distanziert. Es ist, als hätte sich die Starre des Komas auf das Geschehen gelegt. Unfähig, die innere Stimme zu hören, sehen sich die Protagonisten mit der Stille ihrer Emotionen konfrontiert. Erst allmählich beginnen sie, Handlungsweisen gegen das Schicksal zu entdecken, auch wenn diese nicht lösungsorientiert sind. Leider überträgt sich diese Ziellosigkeit mitunter auf die Handlung, immer wieder gibt es Szenen, die unmotiviert in das sonst so präzise Erzählen einbrechen. Das ist schade, denn der Grundton des Films ist ebenso düster wie die Farbdramaturgie, es ist ein radikales Schweigen der Empathie, das beinahe unerträglich erscheint. Reduziert wird hier alles auf Körperlichkeit; das Verlangen, zu fühlen, wird zur schier unlösbaren Herausforderung. Selbst das Atmen fällt schwer.

Swans verspricht vieles, kann aber nicht alles einlösen. Und doch entwickelt der Film eine ganz eigene, bedrückende Sogkraft. Dies liegt auch zu einem großen Teil an den Bildern des Kameramanns Reinhold Vorschneider (dessen, auch die »Berliner Schule« prägende, Handschrift hier ebenfalls deutlich zu lesen ist), die das ephemere Wesen der »Nicht-Orte« präzise einfangen. Gerade diese Verlinkung von Form und Inhalt funktioniert bei Swans wunderbar und läßt über die stellenweise Überfrachtung der Dramaturgie hinwegsehen. Denn letztlich schafft es der Film durch das offensichtliche Fehlen jeglicher Emotionen, den Zuschauer zu berühren. Wenn auch auf andere Art und Weise, als man es gewohnt ist. 2011-07-12 18:08

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
© 2012, Schnitt Online

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