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The Way Back – Der lange Weg

The Way Back. USA 2010. R,B: Peter Weir. K: Russell Boyd. S: Lee Smith. M: Burkhard Dallwitz. P: Exclusive Films, National Geographic Films, On the Road, Point Blank Production. D: Jim Sturgess, Ed Harris, Saoirse Ronan, Colin Farrell, Mark Strong, Gustaf Skarsgård, Alexandru Potocean, Sebastian Urzendowsky u.a.
133 Min. Splendid ab 30.6.11

Konstruierte Räumlichkeiten der Freiheit

Von Jennifer Borrmann Es ist kein Heimkehrerdrama, das Peter Weir mit »The Long Walk: The True Story of a Trek to Freedom«, nach einem Buch von Slawomir Rawicz, entfaltet, auch kein Anti-Kriegsfilm. Es ist ein Film über die Freiheit, und zwar in den verschiedensten Formen: die private und politische, die geraubte und wieder errungene. Dieser rote Faden zieht sich durch den Film. Kameramann Russel Boyd – der bereits vor mehr als 30 Jahren mit Weir Picknick at Hanging Rock drehte – erzählt in wunderbar haptischen Bildern:

Ein Mann – sein Gesicht blutig und dreckig – sitzt in einem engen Raum neben einem Schreibtisch. Wir sehen ihn lediglich im Profil. Sein uniformiertes Gegenüber legt ihm ein Stück Papier vor. Doch der Mann weigert sich, zu unterschreiben. Dabei schwenkt die Kamera um den Tisch, jede Regung, jede Emotion in Nahaufnahme einfangend. Angst und Wut zugleich spiegeln sich in seinen Augen wieder. Eine Frau wird in den Raum geholt, die noch gebrochener als ihr Ehemann aussieht. Mit ihrem erpreßten Geständnis versetzt sie ihm den Todesstoß: 20 Jahre Gulag wegen Spionage.

Die beklemmende Enge des dunklen Folterraumes und die Close-Ups der Protagonisten weichen plötzlich einer Vogelperspektive. Die Kamera fliegt über die nicht enden wollenden, verschneiten Wälder Sibiriens. Die Bilder zeichnen das Unglück der Abgeschlossenheit, die Weite des Landes und die erbarmungslose Natur sowie die Abgeschiedenheit der dort liegenden Gulags erdrückend real. So lautet denn auch die Begrüßung der eben zu Fuß angekommenen Gefangenen: »Ihr braucht uns als Wachmänner nicht, die Natur Sibiriens ist euer wahrer Feind, sie wird euch bei jedem Fluchtversuch töten.« Willkommen in Sibirien.

Bereits die Begrüßung macht die Strukturen im Lager augenfällig. Die Soldaten kommen kaum vor die Kamera, spielen keine große Rolle. Statt dessen sehen wir uns einer Häftlingshierarchie gegenüber, in der die »Urki«, russische Straßengauner, über die Lagerinsassen herrschen. Wieder wird die klaustrophobische Enge der Räumlichkeiten stark in Szene gesetzt, der Zuschauer mag an Wolfgang Petersens Das Boot denken. In Sepiatönen und starken Hell-Dunkel-Kontrasten sehen wir, wie unter den auf engstem Raum zusammengepferchten Gefangenen kaltblütig getötet, Glücksspiel mit Nahrung und Kleidung betrieben oder einfach getauscht wird – ein Mikrokosmos des gesamten Gefangenenlagers.

Janusz (Jim Sturges), der Mann, der zu Beginn von der eigenen Frau »verraten« wird, muß im Lager noch eines weiteren Stückes Freiheit entbehren: Die Arbeit unter Tage wirkt visuell als auch auf der Tonspur wie ein Gefängnis im Gefängnis. Selbst den Zuschauer bedrängt das Gefühl unerträglicher Hitze und fehlender Luft zum Atmen. Die Aufseherstimmen und Spitzhacken hämmern dumpf und monoton auf ihn ein. Doch Januszs Freiheitsdrang ist unbedingt und ungebrochen. Er und eine Handvoll weiterer Gefangener – die unterschiedlicher nicht sein könnten – brechen zur Flucht durch einen Schneesturm in die tödliche Eiseskälte Sibiriens auf.

Die Gruppe überwindet dabei Tausende Kilometer, sie steigt und kriecht bis hin zum Baikalsee, schleppt sich durch die Wüste Gobi bis hin zum Himalaya-Gebirge und durch Tibet bis nach Indien. Als Zuschauer schmeckt und riecht man bisweilen das rohe Fleisch, auf das sie sich stürzen wie Wölfe, oder meint überall Stechmücken an sich zu spüren, die die Protagonisten aufzufressen drohen. Selten fühlt man sich dabei an visueller Symbolik überbedient: Wenn aus den Ruinen des zerstörten Buddhistentempel in Lhasa weiße Tauben in den Sonnenhimmel aufsteigen, ist es vielleicht doch zuviel des Guten – glücklicherweise passiert dies aber selten und auch darüber kann man hinwegsehen. Die Weite und scheinbare Unendlichkeit der Natur verkörpern für die Gruppe eine Freiheit, die zugleich Belohnung und Bedrohung ist. Freiheit und Unfreiheit, riesige Weiten und individuelle Enge – der Film ist ein visuelles und metaphorisches Spiel mit inszenierter Räumlichkeit. 2011-06-27 13:31

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