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Company Men

The Company Men. USA 2010. R,B: John Wells. K: Roger Deakins. S: Robert Frazen. M: Aaron Zigman. P: Company Men Productions. D: Ben Affleck, Tommy Lee Jones, Chris Cooper, Kevin Costner, Rosemarie Dewitt, Maria Bello, Craig T. Nelson, Thomas R. Kee u.a.
104 Min. Senator ab 7.7.11

Streicheleinheiten mit Glaceehandschuhen

Von Robert Cherkowski Das Leben war süß im weißen Amerika der gehobenen Mittelklasse: Die dicken Karosserien standen auf der Veranda, die Frau blieb ewig jung. Die Kinder tollten quietschvergnügt durch den akkurat gepflegten Garten. Flatscreens schmückten die Wände der zahllosen Zimmer. X-Box für die Kids, Schmuck für die Frau, Rolex am Arm und die Sonne am Himmel. Schon in der Titelsequenz von Company Men wird in malerischen Tableaux eine Welt aus Mammon, Besitz und heiler Welt ins rechte Licht gerückt, von der sofort klar ist, daß sie zum einen schnöd und leer ist und außerdem nicht von Dauer sein wird. Daß dieses Leben in der Blase aus Krediten, hoher Kante und Statussymbolen nicht ewig so weitergehen kann, hätten sie ahnen können.

Als Bobby Walker eines Morgens sein Büro beim Schiffsbauunternehmen GTX betritt, konfrontiert man ihn kurzerhand mit der Tatsache, daß seine Dienste nicht länger benötigt werden. Wenig später trifft es auch die alten Hasen Phil Woodward und Gene McClary. Der Schock ist groß, hielten sie sich doch bisher für unersetzbar. Während Bobby notgedrungen bei seinem Schwager, dem bärbeißigen Schreiner Jack anheuert und Gene den mächtigen Chefs ihre Gewissenlosigkeit vorhält, versinkt Phil in tiefer, lebensbedrohlicher Depression. Was Regisseur John Wells seinem Publikum hiermit jedoch sagen wollte, bleibt sein wohlgehütetes Geheimnis. Wahrscheinlich gar nichts, außer »Ich will einen Preis!«. Aus jeder Pore seines Werks dringen anbiedernde und gefällige Oscarambitionen, die zu nichts führen als schön anzuschauender Prestigeunterhaltung, die sich furchtbar engagiert und problembewußt gibt, sich aber eigentlich sehr darin gefällt, offene Türen einzurennen und das angeschlagene Ego des Mittelstandes mit menschelnden Durchhalteparolen aufzupeppeln. Wells gelingt das zweifelhafte Kunststück, von Massenentlassungen, Wirtschaftskrise, sozialem Abstieg und der Kaltschnäuzigkeit der Bosse zu berichten, ohne jemals zornig oder gar ungehalten zu werden im Anbetracht zum Himmel schreiender Ungerechtigkeit.

Am besten funktioniert Company Men als stromlinienförmiges Starvehikel, daß seinem Ensemble ausgiebig die Möglichkeit gibt, sich ins rechte Licht ihrer Paraderollen zu setzen. Ben Affleck – seit jeher besser als sein Ruf – sticht da noch am meisten heraus, bei seinen Bemühungen, die zahlreichen Sünden seiner Filmographie wieder gutzumachen. Der Rest liefert vorhersehbaren Dienst nach Vorschrift. Chris Cooper guckt wie eh und je besorgt und gedemütigt aus der Wäsche und Tommy Lee Jones ist sowieso der Faltigste unter den Faltigen und trägt die meiste Zeit sein vergrätztes »Zu-meiner-Zeit-waren-Männer-noch-Männer«-Gesicht. In dieses Ensemble fügt sich auch Wolfstänzer Kevin C., der den geschaßten Bürohengsten als rustikaler Handwerker wie eine Mahnung und Erinnerung an klassische Männlichkeitsideale gegenübersteht. In der Tat rechnet man fast minütig damit, daß jeden Moment »Strampelnder Vogel« den Raum betritt und im Team mit Costner die Economy rettet. Viel zu sagen, was über die üblichen »White Collar vs. Blue Collar«-Frotzeleien hinausgeht, haben sich Archetypen aus den verschiedenen Alters-, Bildungs- und Einkommensschichten dabei kaum. Am Ende haben sich ohnehin alle lieb und helfen einander in mißlichen Lagen. Der harmoniesüchtige Rückzug ins Private, den Wells (auch Autor) seine Helden hier antreten läßt, wirkt wie eine Flucht. Es heißt, daß Vergebung und Milde Zeugnis von wahrer Größe ablegen. Company Men beweist, daß sie auch ein feiger Ausweg vor der Pflicht sein können, bestehenden Problemen mit der angemessenen Schärfe zu begegnen.

Die Zahnlosigkeit des Films manifestiert sich in zwei Szenen, die das Credo des gedemütigten Arbeitnehmers auf ein ebenso erniedrigendes wie stumpfes Mantra reduzieren. Als Bobby, um ein wenig Geld zu verdienen, bei einem Call-Center anheuert, wird ihm von einer Motivationstrainerin das Motto erklärt, mit dem er sich jeden Tag aufs neue selbst Mut zusprechen soll. »I will win, because I have Faith, Courage, Enthusiasm«. Zuerst schaut er ähnlich angeekelt wie der Zuschauer drein und für einen kurzen Moment scheint es, als würde sich in der Dummheit der Behauptung der Zynismus von Alec Baldwins berüchtigtem »Always Be Closing«-Monolog spiegeln. Weit gefehlt. Für eine solch unversöhnliche Schärfe fehlte allen Beteiligten offensichtlich der Mut. Später wird der dumpfe, selbsthypnotische Schlachtruf tatsächlich zu Bobbys Mantra. Glauben, Mut und Enthusiasmus haben den Zuschauer zu diesem Zeitpunkt jedoch längst verlassen, und alles was bleibt ist eine Fremdschamgänsehaut, wie man sie so lange nicht mehr gespürt hat.

Das größte Problem sind jedoch die Bilder der großen Kameralegende Roger Deakins, der sonst für die Coen-Brüder und Sam Mendes fotographiert. Nicht daß Deakins hier versagen würde. Ganz im Gegenteil: seine Bilder sind von einer solch aufgeräumten Perfektion, daß sich die Frage stellt, ob es wirklich der richtige Weg sein kann, die zermürbende und entwürdigende Erfahrung, »wegrationalisiert« zu werden, mit soviel Pathos in solch wohl-kadrierten Tableaux einzufangen. Aus der Entscheidung, den Abstiegskampf wie großes Hollywoodmelodram der Marke »Douglas Sirk« zu bebildern, spricht der inszenatorische Wunsch, dem Würdelosen Würde zu verleihen, um es konsumierbar zu machen und mit ästhetischen Mitteln zu heiligen. Deakins Bilder verdeutlichen, was für ein falscher, geheuchelter Trost hier gespendet wird. Wir lernen: keine Krise und keine Entlassung ist zu bitter, kaltschnäuzig und ungerecht, als daß man sie nicht in einem auf Hochglanz poliertem Feel-Good-Erbauungsdrama verwursten könnte. 2011-06-30 14:43
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