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Beginners

USA 2010. R,B: Mike Mills. K: Kasper Tuxen. S: Olivier Bugge Coutté. M: Roger Neill, Dave Palmer, Brian Reitzell. P: Northwood Productions, Olympus Pictures, Parts and Labor. D: Ewan McGregor, Christopher Plummer, Mélanie Laurent, Goran Visnjic, Bill Oberst Jr., Mary Page Keller, Jodi Long, Jessica Elder u.a.
104 Min. Universal ab 9.6.11

The History of Sadness

Von Dominik Bühler Eine verwelkte Blume steht am Fenster. Das Haus ist leer geräumt. Oliver trauert um seinen Vater Hal, der, nachdem er sich erst einige Jahre zuvor, nach dem Tod seiner Frau und über 40 Jahren Ehe zu seiner Homosexualität bekannt hatte, an Krebs gestorben ist. In dieser Zeit des Verlusts begegnet Oliver der französischen Schauspielerin Anna und verliebt sich in sie. Mike Mills, bekannt geworden als Künstler, Regisseur von Musikvideos und Gestalter von Albumcovers, liefert nach Thumbsucker seinen zweiten Spielfilm als Regisseur. Nach eigenem Drehbuch entstanden, verarbeitet der Film dezidiert Erlebnisse aus Mills’ Leben.

Erzählt wird vornehmlich aus dem Blickwinkel von Mills’ Alter Ego Oliver, der Graphikdesigner ist und seinen Ausdruck wie Mills in einer Art Konzeptkunst sucht. Er erzählt, kommentiert, erinnert sich. Diese impressionistische Erzählweise, die in einer erfrischenden Verspieltheit mit Voice Overs, Einblendungen von Fotos, Olivers Zeichnungen und Zeitschriftenausschnitten arbeitet, erweist sich als adäquate Form der Darstellung des Autobiographischen und illustriert stimmig den jeweiligen Zustand des Protagonisten. Die assoziative Montage wechselt leichtfüßig zwischen den Zeitebenen, springt und schweift wie Olivers Wahrnehmung immer wieder ab. Die Phase der Trauer und des Verliebens wird konsequent mit Olivers Erinnerungen an die Zeit der späten Blüte seines Vaters und an frühere Momente mit seiner exzentrischen Mutter verwoben und dezent in Beziehung gesetzt. Wiederholungen von kurzen Szenen und Worten seiner Eltern, die er adaptiert, verdeutlichen Olivers Beschäftigung mit dem Vergangenen und dessen Hineinwirken in sein gegenwärtiges Leben. Das Erbe der Eltern, die lange unterdrückten Emotionen des Vaters und die zum Teil damit verbundene, tief sitzende Melancholie der Mutter, ihr Einfluß auf Olivers Beziehungsleben und Bindungsängste – der Generationenaustausch in all seinen Aspekten ist eines der wesentlichen Themen des Films. En passant werden die Traurigkeit in ihren verschiedensten Ausformungen und Ursachen und die Unterdrückung durch innere und äußere Zwänge verhandelt. Wenn die Geschichte der Schwulen in den USA oder die Verfolgung der Juden angesprochen werden, gleitet es nie ins Dozieren ab und wirkt nur vereinzelt etwas weitgegriffen. Die Schwere dieser Problemlinien könnte einen Film leicht ersticken, doch Mills beweist mit seiner Inszenierung ein außerordentliches Gespür für Atmosphäre und schafft es, die zwischen Schwermut, Sentimentalität und Zuversicht oszillierende Stimmung elegant mit Komik zu verbinden und dem Film eine Leichtigkeit zu verleihen, die niemals ins Eskapistische abzugleiten droht. Unterstützt wird dies durch den charmanten Soundtrack, der zwar phasenweise etwas überpräsent wirken mag, aber vereinzelt auf simple Weise sehr schön in die Handlung eingebettet wird, wenn beispielsweise der junge Oliver die Geschwindigkeit einer Schallplatte mit dem Finger verändert.

Ohnehin sind es die vielen wunderbaren, bisweilen skurrilen Einfälle und Momente absurder Komik, die den Film auszeichnen. Sie dienen nicht allein der Auflockerung oder der Charakterisierung der Figuren – wo sie sich bewundernswerterweise eher in Richtung einer Vertiefung als einer Karikierung auswirken –, sondern sind zudem oft sanfte Metaphern für die emotionalen Zustände und Zusammenhänge der Erzählung. Das wiederkehrende Spiel etwa, bei dem die Mutter den jungen Oliver nebenbei mit einer Geste erschießt und dieser sich theatralisch fallen läßt, ist ein schönes und einfaches Bild für ihren prägenden Einfluß auf den Sohn – im Guten wie im Schlechten. Manchmal wirkt der Reigen der Kuriositäten, besonders hinsichtlich der autobiographischen Beschaffenheit der Geschichte, wie ein Kokettieren mit Einfallsreichtum und Originalität, doch eine leise Eitelkeit sei verziehen. Der berührend offene Umgang mit der persönlichen Geschichte und eine Prise Selbstironie entschädigen für vieles. Wenn Oliver bei einer Kostümparty als Freud verkleidet Partygäste analysiert, spiegelt das humorvoll die Thematik des Einflusses der Eltern auf die Psyche der Protagonisten.

Das Drehbuch zeugt nicht nur von einem originären Ideenreichtum, sondern vielmehr von einer wundervollen Beobachtungsgabe hinsichtlich der Details des menschlichen Alltags. Hier wie dort zeigt sich Mills als Artverwandter seiner Künstlerkollegin und Ehefrau Miranda July, die eine ähnliche Sensibilität für intime Ausschnitte des Lebens besitzt, die es vermögen, viel über das Leben im Ganzen auszusagen. Den Spielfilmen der beiden merkt man deutlich und auf positive Weise ihre Tendenz zu einer Konzeptkunst an, die nah an den Menschen und mit alltäglichen Situationen agiert. Gleitet das Schauspiel der Neurosen in Julys neuem Film The Future bisweilen in Manierismus ab, bleibt Mills stets stärker im Realismus verhaftet. Das zeigt sich sogar bei den tierischen Protagonisten. Der Katze, der in The Future eine obskure Sprechrolle zuteil wird, steht in Beginners der still sprechende Jack Russel Terrier Arthur gegenüber. Mit seinen Kommentaren, die sich nur über Untertitel vermitteln und damit weniger artifiziell wirken, dient er Oliver als geduldiger Gesprächspartner.

Mit seinem bezaubernd aufmerksamen Blick ist das Tier ein bedeutender Teil des hervorragenden Schauspielensembles, das bis in die Nebenrollen glänzt. Allen voran brilliert jedoch Christopher Plummer, der Hal mit derselben mitreißenden Offenheit spielt, mit der sich dieser in sein neues Leben als bekennender Schwuler stürzt. Mit stoischem Egoismus und einer entwaffnenden Hemmungslosigkeit lebt er seine Homosexualität so konsequent, wie er sie zuvor unterdrückt hat. Er sprüht vor Lebensfreude und versucht mit diesem Feuerwerk seinem Sohn verspätet etwas über die Schönheit des Lebens zu vermitteln. Die Beziehung der beiden, die wachsende Nähe wird äußerst liebevoll gezeichnet. Olivers Blick zurück changiert überzeugend zwischen dem Schmerz des Verlustes, Liebe, Stolz und verblassender Wut hinsichtlich der früheren emotionalen Abwesenheit des Vaters und Ewan McGregors Spiel hat daran einen großen Anteil.

Thumbsucker war ein gelungener Film über das Erwachsenwerden. Beginners ist nun der Film, der zeigt, daß das Erkennen und Anerkennen der eigenen Besonderheiten auch nach der Adoleszenz weitergehen muß und daß man nie aufhört, ein Anfänger zu sein. Zwischendurch gelingt es nicht, die Spannung konstant hochzuhalten, doch über diesen leichten Hänger sieht man gerne hinweg angesichts eines berührenden Films, der die Kunst des Neuanfangs – die Möglichkeit äußere wie auch innere Zwänge zu überwinden – auf lebendigere, authentischere und komplexere Weise propagiert, als es so manch anderer Film zuvor getan hat. In einer Szene im Krankenhaus schauen Hal und Oliver einen Kunstband an. Hal, von Medikamenten beduselt, schaut sich abschweifend im Zimmer nach Kunstwerken um. Im Schein der Taschenlampe erblickt er die Sprinkleranlage an der Decke und lobt ihre Schönheit. Das bescheidene Wunder der Änderung des Blickwinkels. Das Wesen der Traurigkeit wandelt sich, doch es ist immer dieselbe Sonne, die scheint. 2011-06-06 09:04

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