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Herzensbrecher

Les amours imaginaires. CDN 2010. R,B,S,D: Xavier Dolan. K: Stéphanie Anne Weber Biron. P: Mifilifilms. D: Monia Chokri, Niels Schneider, Anne Dorval, Anne-Élisabeth Bossé, Olivier Morin, Magalie Lépine Blondeau, Éric Bruneau, Gabriel Lessard u.a.
95 Min. Kool ab 7.7.11

Drei sind einer zuviel

Von Michael Kienzl In seinem bemerkenswerten Debütfilm I killed my Mother portraitierte der kanadische Regisseur Xavier Dolan eine von Haßliebe geprägte Mutter-Sohn-Beziehung, wie man sie in dieser Intensität nur selten zu sehen bekommt. Auch in seinem zweiten Film, Herzensbrecher, konzentriert sich Dolan auf komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen, diesmal jedoch weniger extrem und in anderer Konstellation. Es geht darin um Marie und Francis, deren enge Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird. Bei einer Party lernen sie Nicolas kennen, einen hübschen jungen Mann mit sympathisch einnehmender Art, und obwohl es keiner vor dem anderen zugeben will, haben sie sich schnell in den sonderbaren Schönling verliebt.

Anders als vor kurzem in Tom Tykwers Drei versucht der Film nicht, die Lösung dieses Konflikts in der Utopie einer harmonischen Dreiecksbeziehung zu finden. Vielmehr werden zwei gute Freunde durch ihre Sehnsucht nach Liebe immer mehr zu erbitterten Konkurrenten. Dabei inszeniert Dolan den Kampf um die Gunst von Nicolas die meiste Zeit nicht als offen ausagierten Zickenkrieg, sondern auf subtilere Weise. In einer äußerst gelungenen Szene präsentieren sich Francis und Marie etwa gegenseitig ihre Geburtstagsgeschenke für Nicolas. Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem sie einerseits die Rolle des besten Freundes spielen und Komplimente verteilen, gleichzeitig aber versuchen, das Geschenk des anderen mit hinterhältigen Spitzen schlecht zu machen.

Im Gegensatz zu dem gräßlichen deutschen Verleihtitel, der das Augenmerk auf die Figur des Nicolas legt, gibt der Originaltitel mehr Aufschluß über die Intentionen des Films. Was sich mit eingebildeter Liebe – im Original im Plural – übersetzen läßt, bezieht sich vor allem auf das, was Francis und Marie in ihren Angebeteten hineininterpretieren. Dolan spielt souverän mit zweideutigen Bemerkungen und Gesten, die sämtliche Varianten im Bereich des Möglichen lassen. Nicolas und seine wahren Intentionen bleiben dabei immer ein Stück weit abstrakt. Lange Zeit ist man sich als Zuschauer nicht sicher, ob er berechnend oder einfach naiv ist. Er legt stets Wert darauf, die beiden Freunde zusammen zu sehen, verwendet das Wort Liebe geradezu inflationär und hält sich, was seine sexuelle Identität angeht, bedeckt. Gerade durch den Mangel an konkreten Informationen eignet er sich auch so gut als Projektionsfläche für die Begierden seiner neuen Freunde. Eine Party-Szene zeigt besonders deutlich, daß Nicolas vor allem eine erotische Fantasie ist: Während er im stroboskopischen Licht tanzt, schneidet Dolan mit Michelangelos David und Zeichnungen von Jean Cocteau andere Darstellungen idealisierter Jünglinge dazwischen.

Herzensbrecher flieht mit zahlreichen ästhetischen Spielereien und popkulturellen Verweisen immer wieder in eine überhöhte Gegenwelt. Begleitet von dem Titelsong – »Bang Bang« in einer italienischen Interpretation von Dalida – flanieren Francis und Marie mehrmals in extremer Zeitlupe eine Straße entlang. Mit seinen bunten Dekors, Maries Vintage-Garderobe und Parallelen zwischen den Figuren und den Hollywoodikonen James Dean und Audrey Hepurn wirkt der Film teilweise wie eine nostalgische Fantasie. Offensichtlich wollte Dolan einen durch und durch sinnlichen Film drehen. Den Preis, den er dafür zahlen muß, ist, daß einige seiner Stilmittel überstrapaziert und klischeebehaftet wirken. Die Zeitlupensequenzen etwa erinnern zu offensichtlich an die Kameraarbeit von Christopher Doyle (In the Mood for Love, Paranoid Park). Herzensbrecher leidet aber noch an einem anderen Problem: Als Film über die schmerzhafte Erfahrung unerwiderter Liebe gibt er sich nicht mit der zentralen Dreieckskonstellation zufrieden. Mehrmals kommen längere, pseudodokumentarische Interviews zum Einsatz, in denen Personen, die mit der Handlung des Films in keinerlei Verbindung stehen, über ihre amourösen Mißerfolge erzählen. Es ist nicht so, daß diese Passagen wirklich stören. Der Film versucht hier aber zwanghaft sein Thema auf eine globale Ebene zu hieven, wo doch gerade in den Feinheiten, mit denen Dolan das Gefühlsleben seiner Protagonisten in Szene setzt, die Besonderheit liegt. 2011-06-30 12:15
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