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Transnationalmannschaft

D 2010. R,B,M: Philipp Kohl. K: Peter Kozana. S: Ute Schick.
95 Min. Projektor ab 2.6.11

Deutschland formatiert

Von Shirin Eghtessadi Der Ball ist rund, der Film dauert 90 Minuten. Der Dokumentarfilm Transnationalmannschaft ist während der Fußball-WM 2010 im multiethnischen Mannheimer Stadtteil Jungbusch entstanden. Ursprünglich als »Problembezirk« verschrien, hat sich der Jungbusch in den letzten Jahren zu einer Art Geheimtipp für Alternative, Kreative und Studenten entwickelt. Ein zugezogener Galerist spricht im Film darüber, daß seine Arbeit vom multikulturellen, kreativen Flair profitiert und gleichzeitig hilft, den Stadtteil aufzuwerten. Einige Galeriebesucher koste es immer noch Überwindung nach Jungbusch zu fahren.

Filmemacher Philip Kohl arbeitet mit seinem Film ebenfalls daran, dem Stadtteil ein sympathischeres Gesicht zu verleihen. Transnationalmannschaft überzeugt durch seine besondere Perspektive durch die Brille der Fußball-WM auf das ständig brisante Thema des Zusammenlebens verschiedener Kulturen auf engstem Raum. Die Diskussion über die Möglichkeiten eines friedlichen, konstruktiven Zusammenlebens klingt und scheppert immer wieder in aller Ohren. Der Begriff der »Integration« ist, nach Thilo Sarrazins apokalyptischem »Deutschland schafft sich ab« und den kontroversen Reaktionen aus Presse und Bevölkerung, problembehafteter denn je. Während ständig über Begriffe und Modelle diskutiert wird, kann jedoch das wirkliche Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen und Nationalitäten nur im Alltag, im Lebensmittelladen an der Ecke, auf dem Bolzplatz oder eben in Filmen wie diesen stattfinden.

In Transnationalmannschaft erzählen sieben Protagonisten aus ihrem Leben und von ihrer Sicht auf die Fußball-WM. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 2010 zeichnete sich durch die zahlreichen Nationalitäten ihrer Spieler aus, was für viele Menschen eine erfreuliche Repräsentation der deutschen Bevölkerung darstellte. Die Bedeutung des Fußballsportes für einen Großteil der Menschen ist diesbezüglich kaum zu überschätzen. Fußball bringt Jungs auf der Straße zusammen und wohlgenährte Männer mittleren Alters zum Weinen. Er ist Regionalsport und Weltsport. Unser gesamtes Leben im digitalen Zeitalter findet in einem Spagat statt, zwischen globalen, medial vermittelten Ereignissen und dem direkten Erleben in unserem nächsten Umfeld. Da überrascht es nicht, daß einer der jungen Deutsch-Türken im Film erzählt, daß er, wenn er für die deutsche oder die türkische Fußballmannschaft spielen könnte, sich für die türkische entscheiden würde. Gäbe es aber eine »Nationalmannschaft« für Mannheim, müßte er nicht lange überlegen und würde für seine Stadt spielen, für seine Heimat Mannheim. Der Besitzer einer alternativen Kneipe spricht über die vielen verschiedenen Gruppen, die in Mannheim Jungbusch leben und sich bestimmt nicht immer einig seien. Von außen betrachtet seien sie jedoch alle »Jungbuschler«. Ort und Sport einen, ohne vorhandene Unterschiede zu nivellieren. Qualität und Beständigkeit dieser Art von Einheit stehen auf einem anderen Blatt geschrieben.

Transnationalmannschaft ist dramaturgisch und technisch nicht perfekt, was zu einigen Längen führt, im Gesamten aber kaum stört, sondern eher sympathisch wirkt. Aufrichtig charmante Bilder und Szenen lassen zur Seite springende Männer und ins Bild ragende Mikrophonspitzen nahezu unsichtbar werden und zeigen, daß es nicht immer um Perfektion gehen muß, sondern manchmal einfach um Vielfalt und gemeinsames Feiern trotz aller Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten. 2011-05-31 16:04
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