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Morgen das Leben

D 2010. R,B: Alexander Riedel. B: Bettina Timm. K: Martin Farkas. S: Hansjörg Weißbrich. M: Klaus Burger, Matthias Schneider-Hollek. P: pelle film. D: Judith Al Bakri, Ulrike Arnold, Jochen Strodthoff, Gottfried Michl, Kathrin Höhne, Nanouk-Jonathan Strodthoff, Viktoria Komarnicki, Gabi Geist u.a.
91 Min. Movienet ab 2.6.11

Das Glück in München

Von Andreas Strasser Oft wird das Bild bemüht, daß das Leben mit einem langen Weg voller Gabelungen zu vergleichen ist. An jeder Gabelung muß entschieden werden, wohin man geht. Das bittere Gefühl, irgendwann einmal den falschen Weg eingeschlagen zu haben, sich nunmehr auf einem Irrweg zu befinden, ist die emotionale Quelle, die diesen Film speist.

Gerade ist Ulrike von ihrem Freund verlassen worden. Und obendrein hat sie nach fast zwanzig Jahren ihren sicheren, aber faden Job im Sozialreferat aufgekündigt. Kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag ist sie unzufrieden mit ihrem Leben und sucht nach einem Weg, sich neu zu erfinden. Sie sehnt eine Veränderung herbei. Und als sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, fügt sie diesem Wunsch noch eine intuitive Prophezeiung hinzu: bevor es zu spät ist. Dann lacht sie verlegen, als ob es sich in ihrem Alter nicht mehr ziemte, einen Wandel herbeizusehnen. Doch gerade deshalb ist sie ja hier: Hauptsache Veränderung, Hauptsache Bewegung.

Die einstige Stewardeß Judith lebt alleine mit ihrem kleinen Sohn in einer Wohnsiedlung am Stadtrand, wo sie ihren Lebensunterhalt mit Heimarbeit und Telefonmarktforschung verdient. Und wenn ihr Sohn einmal außer Haus ist, dann streift sie ihr altes Stewardeßkostüm über und sputet dem Anschein nach zielstrebig, doch ohne Ziel, mit ihrem Reisetrolley quer durch die Stadt, um gesehen zu werden und sich nochmals auf ihr altes Leben zu besinnen, das sie schon lange abgelegt hat, wie ein altes Kleid.

Jochen hat gerade noch als nachlässiger Gelegenheitsjobber auf einem Großmarkt gearbeitet. Eines höheren Lebensstandards wegen hat er vor kurzem eine Tätigkeit als Versicherungsvertreter aufgenommen. Geschniegelt und gestriegelt sitzt er nun einer sorglosen Yogalehrerin gegenüber und klärt sie über die Vorzüge der Altersvorsorge auf und es scheint so, als ob er mit seinem Alter Ego Zwiesprache hielte. Die Yogalehrerin lehnt indes dankend ab; sie möchte im Hier und Jetzt leben. Wie sie denn ihr Jetzt finanziere, wird sie gefragt. Das sei zunächst nicht wesentlich. Wesentlich sei, ob sie liebe, was sie gerade tue. Der Gedanke klingt in Jochen nach. Er nickt gedankenschwer, ohne ihn in Abrede zu stellen.

Es sind allzu alltägliche Situationen, die zunächst belanglos anmuten, doch in denen unsere Helden ihre persönlichen Sehnsüchte, Träume und Ängste offenbaren. Mitten darin scheint das Sujet auf, das ihre episodischen Geschichten aufs Innerste miteinander verbindet. Ulrike, Judith und Jochen sind Antihelden. Sie haben sich irgendwann verloren und kämpfen nun darum, wieder auf ihren Lebensweg zu finden. Gemeinsam ist ihnen, daß sie auf ein anderes, besseres Leben hoffen, auf eine Erlösung aus ihrer mißlichen Lage. Sie scheinen alle zu fragen: Wohin gehe ich? Wie kann ich glücklich sein?

Morgen das Leben ist das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmregisseurs Alexander Riedel. Als dokumentarischer Spielfilm wird dieses Debüt von seinen Machern angekündigt, das tatsächlich durch die Authentizität und natürliche Ungezwungenheit besticht, mit der Jochen, Ulrike und Judith mitten im Leben der Stadt München inszeniert werden. Die filmische Erzählung macht keine allzu großen Sprünge, vielmehr folgt sie in faßbaren und beobachtenden Schritten, Pointen und Einstellungen dem Bestreben der Figuren über die Schwelle, in ein neues Leben zu finden. Der Film erzählt dann davon, daß das Glück zunächst darin liegt, sich mit dem Jetzt zu arrangieren. Nicht im Sinne einer pauschalen Glücksformel oder eines esoterischen carpe diem. Hauptsache Bewegung. Der Film überzeugt durch die Schlüssigkeit seiner Figuren und Geschichten und durch das erzählerische Talent seiner beiden Autoren, Bettina Timm und Alexander Riedel.

Er erzählt aber auch in kritischer Weise von der bayerischen Landeshauptstadt, in der der Film angesiedelt ist. Daß diese Stadt einem keine Wahl lasse, argwöhnte Riedel an anderer Stelle über seinen Filmtopos. Und damit verweist er nicht nur auf Wohnung und Arbeit, sondern auf München als Ort individueller Lebensentwürfe. Es sei die dokumentierbare Lebensleistung, die sich hier vor allem in Karriere und Finanzen abzeichne, die den Mittdreißigern, anders als in anderen deutschen Großstädten, das Leben schwer mache. Indes dankt der Münchener Zuschauer dem Film für die zahlreichen Sticheleien gegen den dortigen Mietmarkt. Das lebensfrohe »Isarmärchen« (hier gesungen vom japanischen Münchner Gesangsduo »Coconami«) untermalt die ernüchternde Erzählung mit argloser Fröhlichkeit.

Ulrike, Judith und Jochen sind die Vexierbilder, an denen das Autorenduo das Phänomen der psychischen Unsicherheit und Existenzangst (auch Midlife Crisis) zu ergründen sucht. Ihre abwechselnden Geschichten drehen sich um dieselbe Frage, doch sie berühren sich im Film nicht oder kaum. So entwickeln sie sich in einem Raum zwischen heute und morgen, auf dem mühsamen Parcours zwischen Schein und Sein.

Morgen das Leben ist eine der Stadt München zugedachte Debütarbeit, die weit über den lokalen Tellerrand hinwegschaut und in einer beständigen Weise die große Frage nach dem richtigen Weg an den Gabelungen des Lebens stellt: Wohin soll man gehen? 2011-05-30 09:55
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