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Unter Kontrolle

D 2011. R,B,K,S: Volker Sattel. B: Stefan Stefanescu. S: Stephan Krumbiegel. P: Westdeutscher Rundfunk, Arte Deutschland.
101 Min. Farbfilm ab 26.5.11

Blick ins Retro-Museum

Von Dietrich Brüggemann In dem Film Terminator 3, der 2003 herauskam und gar nicht mal so schlecht war, kommen die Helden am Ende in ein unterirdisches Verlies, um dort einen bösen Zentralcomputer abzuschalten. Sie finden sich aber unerwarteterweise in einem Atombunker aus den 1960er Jahren wieder. Es gibt keinen bösen Zentralcomputer, das Böse ist dezentral, es gibt nur alte Technikschränke, Kontrollpulte, Bildschirme, alles sieht aus wie in einem schönen Retro-Museum. Von hier aus müssen sie hilflos zusehen, wie die Menschheit atomar vernichtet wird. Man stelle sich dieses Szenario als Dokumentarfilm vor, und man hat eine ungefähre Vorstellung von Unter Kontrolle.

Wobei das natürlich nicht ganz so stimmt. Der Film ist zunächst einmal etwas, das es so noch nicht gab, nämlich ein Spaziergang durch deutsche Atomkraftwerke. Die kennt man immer nur von außen, als graue Betonhüllen mit Kühlturm und Schlot, drumherum weiden oft Kühe, davor hängt oft ein Totenkopf in der Luft, denn Abbildungen von Atomkraftwerken sind selten nur Abbildungen, sondern meistens Teil einer Agenda, die da lautet: Kernkraft ist sicher und klimafreundlich. Oder tödlich, je nachdem.

Regisseur und Kameramann Volker Sattel macht das einzig richtige und entzieht sich all diesen Debatten. Er zeigt das, was zu sehen ist, und allein das ist spektakulär genug. Unter Kontrolle ist zunächst ein Bilderfilm. Die Kamera gleitet mit meditativer Kühle durch Hallen und Schleusen und Kontrollräume, der Blick verweilt auf einer Technik und einem Design, das komplett aus den 1960er und 70er Jahren stammt und heute schon wieder ziemlich retro und ganz schön in ist. Und bestünde der Film nur aus diesen Bildern, er wäre schon allein dadurch einfach wahnsinnig interessant, denn all das hat man so noch nicht gesehen. Doch es geht weiter, die Kamera trifft auf Menschen, die jeweils einen Ausschnitt aus ihrer Wirklichkeit berichten. Und diese Menschen sind allesamt sehenswert bis skurril, wie sie in ihrer hochverdichteten Technikfachsprache Informationspartikel sortieren, katalogisieren und verschlagworten. Es sind, um es deutlicher zu sagen, Nerds. Verschrobene und ein wenig aus der Welt gefallene Spezialisten. Dabei aber beileibe keine verrückten Wissenschaftler, sondern knochentrockene, korrekte deutsche Fachleute. Diese Gespräche, für die sich die Kamera oft gar nicht so sehr interessiert, sind das zweite und vielleicht größere Highlight des Films, denn man kommt hier vom Sehen zum Verstehen. Wer sind eigentlich die Menschen, die diese Anlagen warten und betreiben? Wie reden sie, wie denken sie? Unter Kontrolle ist auf diese Weise einer der seltenen Filme, aus denen man tatsächlich klüger herauskommt als man hineingegangen ist. Man kriegt sogar das beruhigende Gefühl: Unsere Kernkraftwerke sind eigentlich sicher. Irgendwie vertraue ich diesen ganzen großgewordenen Modelleisenbahnern. Wenn man mal Erdbeben, Flugzeugabstürze und landende Aliens außen vor läßt. Und immer noch dieses Ding mit der Endlagerung. Verdammt.

Der Film spart es sich, auf einer Streitfrage herumzureiten, die eigentlich sowieso keine mehr ist. Er schaut, er zeigt, er hört zu. Nur wenige Wochen nach der Berlinale-Premiere wird Fukushima vom Tsunami überrollt, und das Thema ist plötzlich brandaktuell. Man möchte vermuten, daß Volker Sattel und sein Co-Autor Stefan Stefanescu (der vor allem für die Gespräche zuständig war) den Film danach nicht anders als davor gemacht hätten. Es ist ein neugieriger Blick in eine völlig veraltete und zugleich topaktuelle Zeitkapsel aus dem 20. Jahrhundert. Eine Technologie, deren Tage einerseits gezählt sind, die uns andererseits aber noch lange begleiten wird und deren Folgen die Menschheit so schnell nicht wieder loswird. Was ja übrigens alles auch aufs Kino zutrifft, aber das führt hier zu weit. Unter Kontrolle ist ein Film, der vielleicht noch zwei Millionen Jahre lang strahlen wird, den man aber jetzt sehen sollte. 2011-05-26 13:24
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