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Life in a Day – Ein Tag auf unserer Erde

Life in a Day. GB 2010. R,B: Kevin Macdonald. S: Joe Walker. M: Harry Gregson-Williams, Matthew Herbert. P: Scott Free Productions, YouTube.
95 Min. Rapid Eye Movies ab 9.6.11

Die Demokratisierung des Kinos

Von Michael Kienzl Life in a Day – Ein Tag auf unserer Erde verfügt zweifellos über ein spannendes und zeitgemäßes Konzept. Auf Anregung von YouTube konnte am 24. Juli 2010 jeder, der sich dazu berufen fühlte, seinen Tag auf Video festhalten und für ein von Ridley und Tony Scott produziertes Projekt zur Verfügung stellen. Basierend auf über 80.000 Beiträgen aus 197 Ländern entstand ein gigantischer Kompilationsfilm aus Heimvideos, dessen Rahmen ein chronologischer Tagesablauf von Mitternacht bis Mitternacht bildet. Mit einem Film, dessen Material ausschließlich von der Internetcommunity gedreht wurde, kann man schließlich von der Verwirklichung einer Utopie sprechen: der Demokratisierung des Kinos.

So interessant dieses Vorhaben in der Theorie klingt, so problematisch erweist es sich in der Praxis. Eine der Ursachen dafür ist die Absicht, möglichst viele verschiedene Beiträge und Länder unter einen Hut zu bringen. Die Zeit, die viele Beobachtungen benötigen, um sich entwickeln zu können, hat Life in a Day schlichtweg nicht. Die Bilder bleiben meist auf ihre Funktion als Pointenträger beschränkt. Wo für Besonderheiten kein Platz ist, wird der kleinste gemeinsame Nenner gesucht. Neben den üblichen Stationen eines Tages – Schlafen, Frühstück, Morgentoilette, usw. – hält man sich auch anderweitig mit Vorliebe auf Allgemeinplätzen auf.

Auffällig oft filmen etwa stolze Eltern die zerknautschten Gesichter ihrer Babys und erwarten, daß man das ebenso entzückend findet wie sie selbst. Die Inflationarität, mit der hier mit betont niedlichen oder emotionalen Bildern umgegangen wird, hängt sicherlich auch mit deren Publikumswirksamkeit zusammen. Der Soundtrack tut dazu meist sein Übriges. Während kurze Passagen, die streng auf den Rhythmus von Matthew Herberts perkussiv verspielter Musik geschnitten sind, vor allem die Parallelen zwischen den unterschiedlichen Ländern betonen, dominiert die kitschige Streicher-Soße von Harry Gregson-Williams den Großteil des Films und setzt wie viele Bilder ganz auf eine plumpe Überwältigungstaktik.

Im Gegensatz zu den überwiegend nur kurz eingeblendeten Videoschnipseln versuchen Macdonald und Walker besonders im Mittelteil mit einigen länger gestreckten Geschichten mehr Kontinuität zu erzeugen. Gerade hier werden Videos mit hohem melodramatischen Gehalt verwendet: Eine Mutter, die gemeinsam mit Mann und Kind ihre Krebserkrankung bekämpft. Ein koreanischer Weltenbummler, der seit sieben Jahren mit dem Fahrrad um die Welt reist und sich nichts sehnlicher wünscht als die Einheit seines zweigeteilten Heimatlandes. Oder ein niedlicher Dreikäsehoch, der sein Geld als Schuhputzer in Mexiko verdient. Dabei läßt die Qualität vieler Aufnahmen durchaus Zweifel aufkommen, ob sie wirklich ohne professionelle Hilfe entstanden sind.

Teilweise kommt es auch zu ambivalenteren Betrachtungen. Tiere werden beispielsweise nicht nur angehimmelt, sondern auch geschlachtet. An anderer Stelle offenbart sich der religiöse Fanatismus einiger Beteiligter und auch die an diesem Tag ausgetragene Love Parade in Duisburg mit ihrem tragischem Ausgang steuert gegen den ansonsten lebensbejahenden Grundtenor des Films. Die wenigen Augenblicke, in denen Life in a Day mehr sein könnte als eine konsensfähige Clipshow, gehen jedoch im Wust der stakkatoartig aneinandergereihten Bilder unter. Man kann die Laienregisseure vielleicht nicht dafür kritisieren, daß sie so stereotype Glücksmomente wie Hochzeiten und Geburten filmen, sehr wohl kann man aber MacDonald und Walker vorwerfen, daß sie solchen Bildern derart viel Platz einräumen und in der Unzahl an Material nichts Interessanteres gefunden haben. 2011-06-02 14:27

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