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Wer ist Hanna?

Hanna. USA/D/GB 2011. R: Joe Wright. B: Seth Lochhead, David Farr. K: Alwin H. Kuchler. S: Paul Tothill. M: Tom Rowlands, Ed Simons. P: Marty Adelstein Prod., Sechzehnte Babelsberg Film, Phenomenon Pict. D: Saoirse Ronan, Eric Bana, Cate Blanchett, Vicky Kreips, Paris Arrowsmith, John MacMillan, Tim Beckmann, Paul Birchard u.a.
111 Min. Sony Pictures ab 26.5.11

Coming-of-Peng!

Von Arezou Khoschnam Schon seit einer ganzen Weile steckt die Federführung in Hollywood in der Krise. Den Drehbuchautoren fallen immer weniger originale Geschichten ein und das Kino wird überschwemmt von Remakes, Buchverfilmungen und Sequels. Das durchaus mit Erfolg. Doch wird diese Tradition vehement fortgesetzt, rangt bald hinter jedem Film im Kinoprogramm eine Ziffer und wir dürfen nur noch zwischen Scream 8, Harry Potter 13 und Bis(s) zum Abendrot wählen. Ich zumindest bin es leid, immer wieder einen Aufguß des schon Dagewesenen vorgesetzt zu bekommen, und sei es in neuem hochtechnisierten Gewand, in HD oder meinetwegen auch in 3D. Denn wenn wir ehrlich sind, kommen die Neuauflagen oder Fortsetzungen nicht oder nur sehr selten an die Klassiker und Originale heran. Das liegt in der Natur der Sache: Einen Anspruch auf Kultstatus hat nur das Neue, nicht die Wiederholung. Andererseits ist es durchaus nachzuvollziehen, weshalb die Filmemacher aus den Schätzen der Vergangenheit schöpfen. An Kinoerfolge wird zwingend angeknüpft, bevor man auch noch die Zuschauer von einst an das Internet verliert.

Angesichts dieser Recyclingmanie in Hollywood wirkt die ungewöhnliche Titelfigur im neuen Film von Joe Wright geradezu wie ein Lichtblick. Darin hat ein weiblicher Teenager die Hauptrolle, deren Darstellung erfrischenderweise nicht die Absicht verfolgt, männliche Fantasien zu bedienen. Statt dessen stilisiert Wright das 15jährige Mädchen zur Actionheldin, die auf der Suche nach der eigenen Identität vor finsteren Gestalten fliehen muß. Das klingt aufregend, ist es auch. Doch ab dem zweiten Filmdrittel hat die Spannung immer weniger mit der Titelfrage zu tun.

Hanna lebt zusammen mit ihrem Vater in einer Hütte in einer schneebedeckten Landschaft fernab jeglicher Zivilisation. Außer ihrem Vater hatte sie bisher noch zu keinem anderen Menschen Kontakt. Jeden Tag trainiert er sie in diversen geistigen und körperlichen Disziplinen. Das Resultat: Hanna spricht mehrere Sprachen und kann kämpfen wie ein Soldat. Der Grund: Sie bereitet sich auf einen ganz besonderen Nahkampf vor, aus dem sie nur lebend herauskommt, wenn sie ihn gewinnt.

Dem Zuschauer wird zunächst die Kategorisierung der Hauptfigur in »gut« oder »böse« erschwert: Eine zierliche Gestalt mit langen blonden Haaren und einem engelsgleichen Gesicht jagt Wild, erlegt es und entnimmt ihm nach einem gezielten Schuß ohne Wimpernzucken die Innereien. Letztgenannte Szene ist faszinierend und abstoßend zugleich und beeindruckt durch ihre visuelle Kraft. Sie ist beispielhaft für die Handschrift des Regisseurs, der es versteht, eine kontrastreiche Bildästhetik zu schaffen. Kurz darauf die Titeleinblendung in roten Lettern. Damit ist Wright ein furioser Auftakt gelungen, der sehr neugierig macht.

Bedauerlicherweise jedoch verrät das Skript in der Folge so viele Informationen über Hannas Lebensumstände und Vergangenheit, daß das Interesse des Zuschauers an ihrer geheimnisumwobenen Identität zwangsläufig nachlassen muß. Als hätte man diesen Umstand einkalkuliert, wird das Tempo fortan von null auf hundert beschleunigt. Der Kontrast zu den anmutigen Bildern der Anfangssequenz setzt zwar kurzweilig eine weitere Spannungsladung frei, doch von nun an hat sich der Film offensichtlich nur noch dem Adrenalin verschrieben.

Nichtsdestotrotz, die Besetzung kann sich allemal sehen lassen. Cate Blanchett überzeugt – wie immer – in der Rolle der rothaarigen Antagonistin mit steinernem Gesichtsausdruck. Auch Eric Bana liefert als Hannas Vater/ Mentor/ Lehrer eine glaubwürdige Leistung ab. Den nachhaltigsten Eindruck aber hinterläßt Saoirse Ronan als Hanna. Wright hatte bereits in Abbitte mit der jungen Irin zusammengearbeitet und hätte Wer ist Hanna? nicht gedreht, hätte sie nicht die Hauptrolle angenommen. Die 16jährige Ronan beherrscht ihre Mimik wie eine ganz Große. Ihre ambivalente Rolle verlangt sowohl eine aggressive, kämpferische Haltung als auch eine sensible Seite. Beiden wird sie mehr als gerecht.

Der Regisseur bedient sich unterschiedlicher Genres und kreiert so einen kruden Mix aus Coming-of-Age-Drama und rasantem Thriller in teils märchenhaftem Setting. Schnell jedoch entwickelt sich Hannas Selbstfindungstrip zu einem willkürlichen Vorwand für einen reinen Actionfilm. Als solcher ist er spannend und ansehnlich. Das lückenhafte Drehbuch drängt den interessanten Ausgangspunkt jedoch zunehmend in den Hintergrund und verrät mit der enttäuschenden Auflösung am Schluß die vielversprechende Exposition. Nachdem Hanna endlich erfahren hat, wer sie eigentlich ist, kehrt sie zurück zu dem, was sie am Anfang war: Eine zierliche Gestalt mit langen blonden Haaren und einem engelsgleichen Gesicht, das ihrem Opfer mit einem gezielten Schuß ein Ende setzt. Peng! 2011-05-24 15:38
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