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Scream 4

USA 2011. R: Wes Craven. B: Kevin Williamson. K: Peter Deming. S: Peter McNulty. M: Marco Beltrami. P: Dimension Films, Corvus Corax Productions, Outerbanks Entertainment, Midnight Entertainment. D: Neve Campbell, David Arquette, Courteney Cox, Emma Roberts, Hayden Panettiere, Rory Culkin, Nico Tortorella, Anna Paquin u.a.
111 Min. Wild Bunch ab 5.5.11

Alles kommt wieder

Von Jochen Werner Das Versprechen, das Wes Craven einst mit Scream machte, konnte er ja in der Folge leider immer weniger einlösen. Auf einem kongenialen Skript von Kevin Williamson basierend, machte der erste Film, der eine schier endlos erscheinende Renaissance des Teenie-Slasherfilms begründete, niemals den entscheidenden Fehler so vieler postmoderner Horrorfilme, Zitat an Zitat zu reihen, nur um des zweckfreien Zitierens willen. Stattdessen ergab alles in Scream plötzlich einen Sinn: exakt das popkulturelle Nerdwissen trieb den mit allen medialen Wassern gewaschenen Zuschauer fortwährend in die Enge, lockte ihn auf falsche Fährten – und streckte ihn schließlich wuchtig nieder mit einer Auflösung, auf die fortwährend überdeutlich hingewiesen wurde. Lediglich die ubiquitären Genrestereotypen schoben sich zwischen Rätsel und Erkenntnis und verwischten immer aufs Neue die Spur.

Das Problem der Sequels bestand dann vielleicht vor allem darin, dass sie ihre Vor- und Grundlage zu weit aus den Augen verloren: Scream 2, ein typischer Film des Übergangs, schien zwar konzeptuell noch recht schlüssig, funktionierte aber als Thriller nicht mehr so richtig und könnte eigentlich als klassischer Übergangsfilm einer Trilogie gelten – wenn denn diese jemals vollendet worden wäre. Anstatt nämlich in Scream 3, wie ursprünglich vorgesehen, Williamsons Konzept zum Abschluß zu führen, lehnten die Produzenten dessen Treatment ab und entschieden sich dafür, den Schlußpunkt von Drehbuchautor Ehren Kruger setzen zu lassen, dem im Vorjahr mit dem Skript zu Arlington Road ein kleiner Durchbruch gelang und der seitdem keine einzige brauchbare Arbeit mehr abgeliefert hat. Auch für Scream 3, den er zu einem fürchterlich gewöhnlichen Film-im-Film-Metaserienmörderstreifen formte, erwies er sich als komplette Fehlbesetzung, das Franchise schien zunächst mausetot und die Scream-Trilogie blieb bis heute eine große Unvollendete des postmodernen Kinos.

Komplett ausgebügelt sind die Versäumnisse der Jahrtausendwende nun auch sicherlich mit Scre4m nicht, aber das war wohl auch nicht zu erwarten. Elf Jahre sind ins Land gezogen seit Scream 3, am postmodernen Nerdkino nagt längst der Zahn der Zeit, und der Horror- und Splatterfilm hat mit grimmigen Filmreihen wie Saw und Hostel oder mit dem neuen Extremkino aus Frankreich und Serbien zu brutaler Ernsthaftigkeit und politischer Vehemenz zurückgefunden. Zudem hat Altmeister Wes Craven, der auch beim vierten Scream wieder im Regiestuhl saß, seinen letzten wirklich brauchbaren Film im Grunde mit dem ersten Teil der Reihe vor eineinhalb Dekaden vorgelegt. Und doch: gerade Craven, dem es gelang, in drei aufeinanderfolgenden Jahrzehnten im 20. Jahrhundert jeweils ein stilprägendes Meisterwerk des Horrorkinos vorzulegen, darf man wohl nie unterschätzen.

In Scre4m zeigt er dann auch bereits in der für die Reihe längst zum Markenzeichen avancierten Pre-Credit-Sequenz, daß er noch immer alle Register zu ziehen imstande ist. Durch immer neue Metaebenen scheucht er Protagonisten, Storylines und Zuschauer und etabliert so ein höllisches Tempo, daß der folgende Film dann freilich nicht halten kann. Nach diesem furiosen Auftakt, der bereits ein Kabinettstückchen in sich bildet, beruhigt sich das Tempo doch merklich, und auch der stetige Drang zur immer neuen Selbstreflexion erscheint einigermaßen gezügelt. Der zentrale Strang unter den Erzählungen von Scre4m kann im Grunde beinahe als ein Remake des ersten Films durchgehen, in dem zwar alle überlebenden Protagonisten der ersten drei Filme wieder auftauchen, nunmehr aber die Seiten gewechselt haben. Die Rollen der designierten Opfer übernehmen nun gewissermaßen »frische« Teenager, während Sidney, Gale, Dewey & Co. schon beinahe auf die Seite der Eltern übergetreten sind – die ja, das wissen wir seit Cravens Meisterwerk A Nightmare on Elm Street, der eigentliche Horror sind.

So weit aber kommt es in Scre4m nicht, was beinahe ein wenig schade ist – ein derart konsequenter Rollenwechsel insbesondere der immer wieder aufs Neue traumatisierten Sidney hätte die Scream-Reihe vielleicht tatsächlich noch einmal auf eine ganz neue Ebene heben und eine aufregende Richtung für eine zweite (echte) Trilogie vorgeben können. Aber vielleicht liegt es auch einfach in der Natur des Slasherfilms, sich stets aufs Neue zu wiederholen und dabei niemals substanziell zu verändern. Der Mörder ist niemals wirklich tot, das Opfer niemals wirklich sicher, alles kommt wieder, zwangsläufig und immer, und jeder Slasherfilm ist ein Remake von hundert anderen. Im Hinblick auf diese Repetitivität, die nun einmal im Kern jenes Genres steht, das Craven einst mit Scream eben nicht nur zitierte und persiflierte, sondern dessen Regelwerk er im Grunde gegen sich selbst verwandte, stellt Scre4m vielleicht die bis heute einzig wirklich reflektierte und der eigenen Mittel bewußte Fortsetzung des ersten Teils dar. 2011-05-05 15:42

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