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New Kids Turbo

NL 2010. R,B,D: Steffen Haars. R,B,S,D: Flip Van der Kuil. K: Joris Kerbosch. M: Junkie XL. P: Comedy Central, Benelux Film Distributors, Eyeworks Film & TV Drama, Inspire Pictures u.a. D: Huub Smit, Tim Haars, Wesley van Gaalen, Nicole van Nierop, Lars Boekhorst u.a.
99 Min Constantin ab 21.4.11

Elke scheet een donderslag

Von Carsten Tritt Eine erstaunliche Leistung des niederländischen Filmschaffens ist es, Protagonisten der Unterschicht darzustellen, ohne dabei in die Automatismen eines gut gemeinten und letztlich doch herablassenden Betroffenheitskinos zu verfallen, wie es in Belgien die Dardenne-Brüder exerzieren, oder alternativ zu meinen, sich durch übertriebene Manierismen von den Figuren distanzieren zu müssen, worunter z.B. der zwar charmante, aber kunsthandwerklich überfrachtete Ex Drummer leidet. Hingegen erstaunt bereits der bekannteste niederländische Beitrag, nämlich Dick Maas’ schöne, wenn auch nicht uneingeschränkt gelungene Filmtrilogie und Fernsehserie um die Familie Flodder, dadurch, wie mühelos er das sperrige Thema sogar in Genrekonventionen faßt. Zuletzt 2005 wiederholte Tim Oliehoek dieses Kunststück mit Hammerhart, was fast noch höher einzuschätzen ist, handelte es sich dabei doch sogar um ein Remake des unerträglichen dänischen In China essen sie Hunde-Prequels Old Men in New Cars.

Auch New Kids Turbo gibt seine fünf Antihelden aus dem Dorf Maaskantje in Nordbrabant unschwer als die Zurückgelassenen der Leistungsgesellschaft zu erkennen. Anspielungen in ihren Frisuren und Kostümen auf Moden der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wirken gar wie ein optischer Beleg dieses sozialen Ausgeschlossenseins. Das bedingungslose Grundeinkommen reicht ihnen kaum zum Überleben, folglich gehen die Fünf zum zuständigen Arbeitsamt, um den Auszahlungsbetrag nachzuverhandeln. Als sie sich dort jedoch zu einer übermotivierten Handlung hinreißen lassen, nimmt dies die staatliche Behörde sogleich als Vorwand, die Zahlungen an sie komplett zu streichen.

New Kids Turbo basiert auf der Web- und später Fernsehserie New Kids, mit ihren etwa dreiminütigen Episoden. Dennoch gelingt es dem Autoren- und Regieduo Haars und van der Kuil mühelos, die von ihnen entworfene Welt in die Strukturen einer Langfilmhandlung zu überführen, ohne an Dichte und Geschlossenheit der Erzählung einzubüßen. Dabei lassen sie geschickt cartooneske Stereotypen einfließen, indem sie ihre Figuren z. B. massive Gewalteinwirkungen ohne gravierende Folgen überstehen lassen, oder aber irreale Elemente als Selbstverständlichkeit einführen: Litt etwa Das Leben der anderen an dem auffälligen deus ex machina eines einen Filmcharakter am Ende unmotiviert überfahrenden und somit zu handlungstechnisch günstiger Zeit entsorgenden LKW, wird selbiges in New Kids Turbo in sauberer Drehbuchtechnik zu einem eingeführten, untadeligen Stilmittel. Zur rundum gelungenen deutschen Sprachfassung hat zudem nicht unwesentlich beigetragen, daß sich die fünf Hauptdarsteller selbst synchronisiert und somit ihre eigenwillige Authentizität auch in die Übersetzung gerettet haben.

Haars und van der Kuil gestalten ihre Protagonisten nicht als Mitleidsobjekte oder Verlierer, sondern zeichnen sie wehrhaft genug, auf jeden Gegenschlag des Etablissements zu reagieren: Bekommen sie nun etwa kein Geld mehr von der Gesellschaft, ziehen sie die logische Konsequenz, und werden Leistungen, die sie von der Gesellschaft beziehen – Benzin von der Tankstelle, Getränke aus dem Supermarkt – nicht mehr bezahlen. Die fünf Protagonisten sind nicht Opfer, sondern Rebellen gegen ein unlauter scheinendes System, und dies nicht etwa aufgrund eines intellektuellen Überbaus, einer höheren Gesinnung, sondern aus einem ihnen innewohnenden Verständnis wie eine Gesellschaft funktionieren sollte. Wenn der Staat in seinem Versuch, das Aufbegehren der Fünf zu unterdrücken, zu unlauteren Mitteln greift, muß er erkennen, daß die vermeintlichen Verlierer längst zu einer ebenbürtigen Kraft erwachsen sind: Geeint in der Erkenntnis, niemandem dürfe es gestattet sein, mit Maaskantje zu »ficken«, wird folglich die zum Verbrecherischen greifende Regierung in ihre Schranken verwiesen, und zwar in einer Kompromißlosigkeit, die im zeitgenössischen deutschen Film (und ebenso übrigens im gegenwärtigen Hollywoodkino) undenkbar wäre. Jeder deutsche Filmemacher sollte sich eigentlich New Kids Turbo als Beispiel für begeisterndes politisches Kino anschauen, ebenso ein jeder, der einen Film sucht, in dem der Jugend noch Werte wie Zusammenhalt und Anstand vermittelt werden. Vorsorglich sei allerdings darauf hingewiesen, daß die teils derbe Sprache und gelegentliche sexuelle Anzüglichkeiten in New Kids Turbo zu junge Zuschauer überfordern könnten. 2011-05-04 23:07
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