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Roller Girl

Whip It! USA 2009. R: Drew Barrymore. B: Shauna Cross. K: Robert Yeoman. S: Dylan Tichenor. M: Randall Poster. P: Vincent Pictures, Barry Mendel Productions, Flower Films Jaret Entertainment. D: Ellen Page, Marcia Gay Harden, Eulala Scheel, Daniel Stern, Drew Barrymore, Alia Shawkat, Landon Pigg, Kristen Wiig u.a.
109 Min. Senator ab 1.9.11

Welcome to the Rollhouse

Von Robert Cherkowski Aufwachsen und »anders sein« ist nie einfach. Erst recht nicht, wenn man im verschlafenen texanischen Kaff Bodeen aufwachsen muß. Seit den seligen Fünfzigern scheint sich hier nicht viel verändert zu haben. Die Lokalhelden bestehen aus tumben Football-Assen, die sich in Alpha-Männchen-Posen üben und debil grinsenden Cheerleaderinnen, die sie umgarnen. Wer nicht in eben dieses Schema des gesund-sorglosen All-American-Boy/Girl paßt oder passen will, der wird entweder ignoriert oder zur Zielscheibe ignoranten Spotts. Die 17jährige Bliss (Ellen Page) kann ein Lied davon singen, was es heißt, nicht zum erlauchten Kreis der Provinzbeautys zu gehören. Mit der Mißachtung ihrer Altersgenossen könnte sie leben. Zu allem Überfluß ist sie jedoch auch noch mit einem besitzergreifenden Muttertier par excellence (bemerkenswert faltenfrei: Marcia Gay Harden) geschlagen, daß die Beauty-Queen-Träume ihrer Jugend gern mittels ihrer Tochter ausleben würde. »Life sucks!«

Was wie ein bitterer Abgesang auf die Schattenseiten einer durch Unverständnis und Ablehnung getrübten Jugend im Stile von Todd Solondz’ Welcome to the Dollhouse klingt, entpuppt sich jedoch sehr bald als die vergnügliche Geschichte vom häßlichen Entlein, das nur auf den richtigen Anlaß gewartet hat, um zum schönen Schwan zu werden. Bald nämlich wird Bliss auf die »Hurl Scouts« aufmerksam: eine Gruppe emanzipierter Roller-Derby-Amazonen, die im naheliegenden Austin (dem liberalen El Dorado der texanischen Geek-Gemeinde) allwöchentlich bei »sportlichen Wettkämpfen« (deren Regeln trotz mehrmaliger Erklärung ein Rätsel bleiben) die Puppen tanzen lassen. Die Begegnung mit der selbstbewußten Damenriege kommt für Bliss einem Erweckungserlebnis gleich und natürlich bleibt es nicht bei diesen verschämten Bewunderungen. Bald schon schließt sie sich den »Hurl Scouts« an und aus Bliss wird das Derby-Ass »Babe Ruthless«…

Die Geschichte vom Ausbruch aus der restriktiven Enge kleinbürgerlicher Lebensentwürfe ist wahrlich nicht neu und Drew Barrymores Adaption von Shauna Cross’ quasi-autobiographischem Roman »Derby Girl« tut gut daran, von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Die gute alte Girl Power ist es, der Cross (die auch das Drehbuch schrieb) und Regiedebütantin Barrymore hier eine verschmitzte Laudatio halten. Aus den einstigen »Riot Grrrls« sind im Falle der »Hurl Scouts« jedoch versehrte Frauen geworden, die trotz aller Enttäuschungen, die das Leben und der Zahn der Zeit an ihnen hinterlassen haben, einen wunderbar kauzigen Stolz vor sich hertragen. In der Tat ist Roller Girl dann am besten, wenn die Story für ein paar Minuten aussetzt und den Ladies von der Rollschuhbahn Gelegenheit gegeben wird, ihre spleenigen Rollen ins rechte Licht zu rücken. So von der Leine gelassen darf Tarantinos Lieblingsstuntfrau Zoë Bell ihren rustikalen Charme spielen lassen, Drew Barrymore sich in kleinen Auftritten gepflegt zum Affen machen und Juliette Lewis ihre Paraderolle der abgewrackten Schreckschraube mit etwas mehr Würde ausstatten als sonst. Da verzeiht man gern, daß Ellen Pages Rolle der verschroben und altklug auftretenden Kindfrau sich nach Hard Candy, Smart People und Juno überlebt hat. Als Ensemble-Komödie vermag Roller Girl zu überzeugen und vorzüglich zu unterhalten.

Dumm nur, daß Roller Girl auf Teufel komm raus auch noch ein Sportfilm sein will, obwohl man das chaotische Treiben kaum überschauen, geschweige denn interessiert verfolgen kann. Roller Derby mag als scherzhafter Rahmen für den »Third Wave Feminism« des amerikanischen Südens durchaus geeignet sein – als dramatischer Aufhänger zum Mitfiebern hingegen vermag es nicht im Geringsten zu fesseln. Ungelenk streut Autorin Cross im weiteren Verlauf forcierte Herausforderungen und Stolpersteine in den Plot. Barrymore, die ihr Ensemble in den dramatischen und humoresken Phasen zu so beherzter Spielfreude und Natürlichkeit zu motivieren wußte, versagt bei den Wettkämpfen jedoch auf ganzer Linie und läßt es an Spannung, Dynamik und Übersicht mangeln. Die Derby-Szenen nerven gehörig und im viel zu lang breitgetretenen Finale gibt es vor allem eins zu sehen: Frauen Mitte bis Ende Dreißig, die ausgiebig auf Rollschuhen im Kreis fahren. Dabei ist es meist viel interessanter, ihnen zuzuschauen, wenn sie zur Ruhe kommen. 2011-08-26 11:38

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