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Brownian Movement

NL/B/D 2010. R,B: Nanouk Leopold. K: Frank van den Eeden. S: Katharina Wartena. M: Harry de Wit. P: Circe Films, Serendipity Films. D: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timoteo, Ryan Brodie, Frieda Pittoors u.a.
101 Min. Filmlichter ab 30.6.11

Minimal Motion Picture

Von Thomas Warnecke Warum geben Filmemacher ihren Werken Titel, die sich so leicht gegen sie – gegen Werk wie Macher – verwenden lassen? Weil er nun mal so heißt: »Die Brownsche Molekularbewegung … bezeichnet die scheinbar zufällige Bewegung, die zahlreiche Teilchen in einer Flüssigkeit an den Tag legen«, steht schön formuliert im »Thesaurus der exakten Wissenschaften«. Bewegung ist sehr wenig in diesem Film, und scheinbar zufällig allenfalls, daß die Protagonistin einem der Männer wiederbegegnet, die sie regelmäßig zum Sex in eine eigens dafür gemietete Wohnung mitnimmt. Sie trifft diese Männer bei ihrer Arbeit als Ärztin und scheint sich für sie wohl wegen ihrer Abweichungen vom Normschönen zu interessieren (Fettleibigkeit, starke Behaarung, Alter), daneben schläft sie auch mit ihrem gutaussehenden Mann, nachdem sie dem wohl gemeinsamen Sohn ein Märchen vorgelesen hat (Interpretenfutter Nr. 2: Es ist Grimms grausames »Das Mädchen ohne Hände«, allerdings beginnt die Einstellung erst, als der glückliche Schluß drankommt, beim »sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende« muß Sandra Hüller schlucken). Das Wiedersehen mit dem einen Tagessexpartner führt zum Aus- und Zusammenbruch (irgendwo stand zu lesen, das sei eine typische Reaktion multipler Persönlichkeiten), zweiter Akt: Therapiesitzungen, Verlust der Approbation, dritter Akt: ab nach Indien, Neuanfang mit Ehemann, Sohn und noch zwei neugeborenen Zwillingen. Im dritten Teil rückt der Ehemann in den Mittelpunkt, gelegentlich bewegt sich jetzt die Kamera sogar, wenn sie ihm folgt, wie er ihr folgt.

Die ersten beiden Teile spielen fast ausschließlich in Innenräumen (und beginnen auch mit einer entsprechenden Einstellung: die leere Wohnung, ein großer Raum in einer Klinik) ohne aber etwa eine Analogie zu einem wie auch immer gearteten Innen der von Sandra Hüller gespielten Figur bilden zu wollen, vielmehr wird, den aseptischen Schauplätzen entsprechend, auf Handlung, Leben, Welt weitgehend verzichtet. Wenn im zweiten Teil ein bißchen gesprochen und das im ersten Teil zu Sehende quasi erklärt wird, verhindern auch hier Schnitte jegliche Form von Vollständigkeit; es scheint, als würden die Ellipsen gar nichts weglassen (um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn im Theaterstück ein unvollständiger Satz steht, weil die Figur von einer anderen unterbrochen wird, sollte sich der Schauspieler überlegen, wie der Satz weitergehen könnte – allein schon, weil sein Kollege vielleicht zu spät einsetzt. Brownian Movement besteht nur aus angefangenen Sätzen bzw. Einstellungen, für die niemand eine mögliche Fortsetzung zu wissen scheint; musikalisch: Es gibt Themen, aber keine Modulation). Bezeichnenderweise scheint die Möglichkeit einer Harmonie erst in der Wüste auf. Bösartig möchte man vermuten, jede der zahlreichen beteiligten Produktionsfirmen und jeder der ebenso zahlreichen Filmförderfonds hätte der Regisseurin und Autorin mindestens eine Szene aus dem Buch gestrichen (und zwar insbesondere Außendrehs und solche mit vielen Personen und bewegter Kamera). Andererseits legen Titel und Inhaltsbeschreibungen der bisherigen Filme von Nanouk Leopold nahe, daß es ihr immer schon um begrenzte Räume, Isolation und die Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation zu gehen scheint.

Brownian Movement ist also konsequentes europäisches Kunstkino: keine Psychologie! keine Moral! keine Erklärungen! und reduziert die Figuren zu Teilchen, die sich nach Gesetzen verhalten, über die sie nichts wissen. Was den Film so anstrengend macht, ist eben diese klinische Perspektive: Die rigide Kadrierung läßt dem Blick kaum Freiheiten, als würde einem der Kopf gehalten und man wäre gezwungen, die ganze Zeit einen Punkt zu fixieren. Wem’s gefällt, der mag das vielleicht Minimal Cinema nennen und als solches genießen – in der Tat gibt es einige schöne Einstellungen, etwa wenn das Paar auf dem Bett sitzt, wobei er vornübergebeugt außerhalb des Schärfenbereichs ist. Und wenn Sandra Hüller, die ihre apsychologische Sache wirklich sehr gut macht, einmal anfängt zu lachen, scheinbar einfach so und gegen ihren Willen.

Die Lust an (wiederum: scheinbarer) Willkür und Eigensinn, gepaart mit dem Unwillen, sich dafür zu erklären, eint Film und Protagonistin. Dafür gibt es ein Adjektiv: zickig. Manche finden das sexy. 2011-06-24 12:16

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