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Die Vaterlosen

A 2011. R,B: Marie Kreutzer. K: Leena Koppe. S: Ulrike Kofler. M: David Hebenstreit. P: Novotny & Novotny. D: Andreas Kiendl, Andrea Wenzl, Emily Cox, Philipp Hochmair, Marion Mitterhammer, Sami Loris, Pia Hierzegger, Johannes Krisch u.a.
105 Min. ThimFilm ab 4.8.11

Wie, wenn ohne Liebe

Von Kyra Scheurer Ein VW-Bus dicht bepackt mit schweigsamen Männern und buntverspielten Kindern, dazu Rio Reiser. Spät erschließt sich dieser Prolog in den 1970ern als Keimzelle der »Vaterlosen«, als Rückfahrt der Kommunenkids vom Vaterschaftstest kurz vor Zerfall des Lebensexperiments rund um den charismatischen Hans, einen Hippie-Patriarch auf dem österreichischen Land. Jahrzehnte später treffen sich vier Geschwister an Hans’ Totenbett wieder: Die jüngste, Mizzi, die nach einem Unfall im Säuglingsalter immer wieder mit neurologischen Handicaps zu kämpfen hat, wird überrascht davon, neben ihren Brüdern Niki und Vito noch eine ältere Schwester zu haben, Kyra. Kyra mußte seinerzeit die Kommune mit ihrer Mutter verlassen, und Mizzi will nun unbedingt mithilfe alter Tagebücher herausfinden, warum Hans diese Tochter nicht mehr bei sich haben wollte, nachdem die neue geboren worden war.

Vor der Folie der gemeinsamen Backstory entfaltet sich ein figurenzentriertes Ensembledrama, das hohe Ansprüche an die Drehbuchentwicklung stellt, die dementsprechend intensiv und zeitaufwändig war. Im Ergebnis gelingt der Nachwuchsfilmemacherin Marie Kreutzer eine nicht perfekte, aber doch berührende und facettenreiche Variation einer klassischen Geschichte – nie gleitet der Film dabei ins Pädagogisieren ab oder wird zum blutleeren Thesenfilm über die 1968er-Bewegung. Angetrieben von der Katalysator-Figur der neu in den familiären Kosmos einbrechenden Kyra werden alte Geheimnisse aufgedeckt, brechen Wunden auf und werden Fragen wach zum Umgang mit (Wahl-)Familie und persönlicher Verantwortung. Der ambitionierte Versuch, viele dreidimensional ausgestaltete Charaktere gleichberechtigt zu erzählen, wird wesentlich getragen von einem durchweg stark besetzten Schauspielensemble, dem großen Kapital des Stoffs neben seiner Geschichte. In anderen Teilen bleibt Die Vaterlosen weitgehend konventionell inszeniert und umgesetzt – aber für ein Leinwanddebüt soll man sich ja auch nicht gleich in jedem Bereich an die Kür wagen. Sicher aber macht dieser Film neugierig auf die kommenden Werke Kreutzers und sorgt für einen emotional abwechslungsreichen Kinoabend »im Kreise der Familie«. 2011-07-29 12:12

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.
© 2012, Schnitt Online

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