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Der Mann, der über Autos sprang

D 2010. R,B: Nick Baker-Monteys. K: Eva Fleig. S: Dagmar Lichius. M: Fabian Römer. P: ophir film. D: Robert Stadlober, Jessica Schwarz, Martin Feifel, Anna Schudt, Peter Becker, Claudia Renner, Monique Schröder u.a.
112 Min. Arsenal ab 2.6.11

Die Verirrten

Von Christian Simon Eine Tasche wird über eine Mauer geworfen, ein junger Mann im Anzug klettert hinterher. Julian (Robert Stadlober) bricht auf, und: bricht aus. Er flieht aus der Psychiatrie, in die er vier Jahre zuvor eingeliefert wurde, um hunderte Kilometer zu Fuß von Berlin nach Tuttlingen zu gehen. Seine Anstrengungen sollen dem herzkranken Vater eines verstorbenen Freundes neue Kraft geben. Schnell finden sich Gefährten, geeint durch die Zweifel an dem Leben, das sie führen; eine Ärztin (Jessica Schwarz), eine junge Mutter (Anna Schudt) und ein Polizist, der Julian wieder einfangen soll (Martin Feifel).

Der Mann, der über Autos sprang ist der Erstlingsfilm von Regisseur und Autor Nick Baker-Monteys, der für sein Drehbuch mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, und eine Gratwanderung gleichermaßen in inhaltlicher wie dramaturgischer Sicht. Die Motivation der Hauptfigur ist als Ausgangslage nicht unproblematisch, die Fragen nach Schicksal und Zufall, Gedankenlesen und übertragenen Energien nicht weniger. Der Grat zwischen tiefen Beweggründen der Figuren und milden Phrasen ist denkbar schmal konstruiert, philosophische Überlegungen bilden zwar den Rahmen der Erzählung, bleiben jedoch bloße Behauptung. Dann aber sieht man Stadlobers Julian, wie er frohen Mutes vorneweg wandert und dabei wirkt wie ein freundliches Alien und zugleich wie der einzig normale Mensch auf der Welt. Auch ihm ist es zu verdanken, daß die Gratwanderung des Films letztlich dauerhaft gelingt. Ihm und Baker-Monteys’ ruhiger, pointierter Inszenierung, die es versteht, eine skurrile und gleichsam interessante Atmosphäre aufzubauen und dabei manch erklärendes Wort überflüßig macht.

Der Mann, der über Autos sprang erzählt eine ungewöhnliche Geschichte über Menschen, die auf der Suche nach einer Auszeit unverhofft am Scheideweg ihres Lebens landen. Es ist nachdenkliches, trauriges, optimistisches Autorenkino, das Raum für Interpretationen läßt ohne dies dem Filmgenuß als Bedingung zu stellen. Hat man ein Herz für Verrückte und Verirrte, darf man Der Mann, der über Autos sprang vorbehaltlos dort einschließen. 2011-05-27 12:07

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.
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