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Das Blaue vom Himmel

D 2011. R: Hans Steinbichler. B: Robert Thayenthal, Josephin Thayenthal. K: Bella Halben. S: Mona Bräuer. M: Niki Reiser. P: die film gmbh. D: Juliane Köhler, Hannelore Elsner, Karoline Herfurth, Niklas Kohrt, David Kross, Rüdiger Vogler, Matthias Brandt, Juta Vanaga u.a.
103 Min. NFP ab 2.6.11

Mit dem Zeigefinger

Von Julian Bauer Hans Steinbichlers neuer Film Das Blaue vom Himmel ist solide. Vielleicht aber auch einfach bloß brav und banal. Es ist erstaunlich, daß der Film gleichwohl nicht ohne Ein-Eindeutigkeiten auskommt.

1991: Sofia, erfolgreiche Fernsehjournalistin in Berlin, ist dabei, eine Reportage zur deutsch-lettischen Geschichte zu konzipieren. Der Chefredakteur verlangt einen Beitrag mit persönlichem Einschlag. Seine Aufforderung ist ein deutlicher Zeigefinger auf die Erzählung des Films. Von nun an bleibt kein Zweifel, daß der Einschlag besonders persönlich sein wird, daß der Film von Sofias eigener Familiengeschichte handelt. So muß sie sich plötzlich um ihre an Demenz erkrankte Mutter Marga (ehemals Lettlanddeutsche) kümmern. Diese berichtet immer wieder äußerst unzusammenhängend von ihrem Leben in Lettland, insbesondere kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Da er dem Zuschauer anscheinend wenig Rezeptionsfähigkeit zutraut, inszeniert der Regisseur auch dies in Ein-Eindeutigkeiten: Marga liegt in der Psychiatrie und brabbelt wirr, aber zweifelsohne von ihren Kriegserinnerungen. Juliane Köhler muß die ahnungslose Tochter mimen, damit auch der letzte Zuschauer verstehen kann, worum es hier eigentlich geht. Transkribieren also auch wir die Szene an dieser Stelle zur Sicherheit: Tochter: »Was redet sie denn da?« Krankenschwester: »Erinnerungen aus dem Krieg.« Tochter: »Meine Mutter hat nie vom Krieg gesprochen.«

Hans Steinbichler nimmt sich in seinem neuen Film also thematisch der Mutterrolle an. Der Film ist gar »unseren Müttern« gewidmet. Auch hier also der Zeigefinger. Und mit Zeigefingern wird es weitergehen. So der Indexfinger der etwas kühlen, karrieristischen Mutter Sofia. Nach einem Streit mit ihrem Mann über das problematische Mutter-Tochter-Verhältnis zu Marga fährt ihr Indexfinger in der Großaufnahme streichelnd über ein Foto ihres Sohnes. Mutter zeigt auf Sohn, zärtlich. Aha, auch die intellektuelle Frau im Beruf ist tatsächlich zu solchen Gefühlen fähig.

Und die Besetzung? Filmbürgerliche Elite. Selbst in kleinen Nebenrollen werden gute Theaterschauspieler (wie Fritzi Haberlandt) verscheuert. Fast als wäre damit irgendein »Prädikat: besonders wertvoll«-Automatismus verbunden. Hannelore Elsner spielt auch als Demenzerkrankte mal wieder die Femme fatale. Der Zeigefinger ist also wieder im Spiel, diesmal auf den profilierten Star gerichtet: Das ist eine Marke, das ist DIE Elsner!

Klaus Lemke hat in seinem Hamburger Manifest geschrieben, daß ein Film nicht einmal gut sein müsse. Er müsse nur wirken. Was heißt aber wirken? Eben nicht auf die typische Empathiemaschinerie setzen. Eben nicht auf seelenkundlerische Schemata setzen, worüber jeder dann nach dem Abspann, der Struktur des Films folgend, küchenpsychologisch palavern kann. Denn dann bleibt vollkommen vergessen, daß ein Film nicht bloße Erzählung ist. Fahrlässig ließe sich Steinbichlers Film das Attribut »schöne Bilder« beigeben. Über den vulgären Gebrauch von »Ästhetik« ginge das aber nicht hinaus. 2011-05-27 11:56

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