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Wir sind was wir sind

Somos lo que hay. MEX 2010. R,B: Jorge Michel Grau. K: Santiago Sanchez. S: Rodrigo Rios. M: Enrico Chapela. P: Centro De Capacitación Cinematográfica, Foprocine. D: Francisco Barreiro, Paulina Gaitan, Carmen Beato, Jorge Zarate, Esteban Soberanes, Adrián Aguirre, Miriam Balderas, Daniel Giménez Cacho u.a.
90 Min. Alamode ab 2.6.11

Die kannibalistische Kernfamilie

Von Nils Bothmann Kannibalismus ist eines der ganz großen Tabus der westlichen Gesellschaft, was das Thema jedoch so faszinierend macht, daß es immer wieder aufgegriffen wird: In »Totem und Tabu« knüpft Sigmund Freud eine Verbindung von dort zum Inzestverbot, Claude Lévi-Strauss hatte den Kannibalismus in »Das Rohe und das Gekochte« aus anthropologischer Perspektive untersucht. Ebenfalls in der Popkultur ist er verankert, in Bret Easton Ellis’ Roman »American Psycho« versucht Patrick Bateman in seiner Auflehnung gegen sämtliche Tabus der ihn anödenden Gesellschaft auch irgendwann den Verzehr von Menschenfleisch, und auch dem Film ist der Kannibale nicht fremd. Dr. Lecter heißt nicht umsonst »Hannibal the Cannibal«, in Weekend geistert der Kannibalismus durch die Novelle Vague und selbst hierzulande gab es Filme wie Rohtenburg. Berühmt-berüchtigt sind im Kannibalengenre vor allem die italienischen Exploitationschinken der 1970er Jahre, deren grelle deutsche Verleihtitel wie Lebendig gefressen, Nackt und zerfleischt oder Zombies unter Kannibalen bereits die Zeigefreudigkeit der Filme dahinter andeuten.

In diese Schublade will Wir sind was wir sind nicht gesteckt werden, würde aber passagenweise wunderbar dorthin passen. Gerade der erste Auftritt eines Polizistenduos in der Leichenhalle, mit 70er-Jahre-Pornosonnenbrillen auf der Nase und 70er-Jahre-Pornobalken auf der Oberlippe, das erklärt, es löse keine alten Fälle und aktuelle eigentlich auch nicht, hat schon feinste Trashqualitäten. Doch Jorge Michel Graus Langfilmdebüt versucht krampfhaft ernst zu sein, läßt den Zuschauer anfangs darüber im Dunkeln, daß es sich um einen Kannibalenfilm handelt. Subtile Hinweise wie die Fleischerhaken an der Garderobe der Protagonistenfamilie deuten dies an, der Tod des Vaters in der Eingangsszene wird zwar auf seine Faszination für Prostituierte zurückgeführt, doch mag man hier noch denken, er sei an einer Geschlechtskrankheit gestorben und nicht, daß ihm der Verzehr von Bordsteinschwalben letal auf den Magen geschlagen ist oder er gar bewußt vergiftet wurde – den genauen Todesgrund erfährt man nie.

Denn das Drehbuch hält es für einen besonders cleveren Schachzug, möglichst wenige Informationen preiszugeben; schon allein die Frage, warum die Hauptfiguren andere Menschen verspeisen wollen, bleibt ungeklärt. Aus Hunger und Not scheint der Umstand nicht geboren zu sein, denn die Opfer sollen in einem speziellen Ritual aufgefuttert werden. Dabei versteht sich Wir sind was wir sind als sozialkritischer Problemfilm, der wirklich jedes heiße Eisen anpacken will: Armut, Korruption, Kinderprostitution, inzestuöse Neigungen zwischen den Geschwistern – »the whole enchilada«, wie der Amerikaner sagen würde. Die besondere Leistung des Films besteht jedoch darin, kein einziges dieser Themen auch nur irgendwie zu vertiefen, jeder Themenkomplex wird in genau einer Szene angerissen und danach fallengelassen.

Das Scheitern solch hochgesteckter Ziele ist eine Sache, aber schon auf inhaltlicher Ebene krankt der Film an einem vollkommenen Fehlen von Handlungslogik. Der älteste Sohn bringt einen becircten Homosexuellen nach Hause, woraufhin sein Bruder verkündet, er werde keine Schwuchtel essen. Der so Betitelte steht aber weiterhin grinsend wie ein Honigkuchenpferd neben der offenen Tür, hört ruhig zu und denkt erst ans Abhauen, als die Kannibalen vor seinen Augen jemanden mit einer Schaufel niederstrecken. Überhaupt scheinen die bar jeder Vernunft handelnden Menschenfresser bisher nur davongekommen zu sein, da sich sowohl die Polizei als auch ihre Opfer noch dümmer als sie selbst verhalten.

Auf handwerklicher Ebene will die überraschend gelungene Kameraarbeit, die primär mit langen Einstellungen arbeitet, nicht so recht zum miesen Rest des Films passen, bei dem vor allem das schlechte Sound-Design auffällt, das einzig und allein eine helle Szene hat, als während eines Polizistenmordes ein Sample eingespielt wird, das klar an Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre erinnert. Mit dessen Cleverness und Hintersinn kann Graus Machwerk aber nie mithalten, das objektiv vielleicht nicht schlechter als Italo-Gurken wie Cut and Run oder Zombies unter Kannibalen ist – die waren im Gegensatz dazu aber nicht so peinlich darauf bedacht ganz, ganz wichtige Sozialdramen sein zu wollen. 2011-05-27 11:51

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