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Auf brennender Erde

The Burning Plain. USA/RA 2008. R,B: Guillermo Arriaga. K: Robert Elswit, John Toll. S: Craig Wood. M: Omar Rodriguez Lopez Hans Zimmer. P: 2929 Productions, Parkes, MacDonald Productions. D: Charlize Theron, Kim Basinger, Jennifer Lawrence, José María Yazpik, Joaquim De Almeida, Tessa Ia, Diego J. Torres, J.D. Pardo u.a.
107 Min. Capelight ab 26.5.11

Memory

Von Frederik König »Nothing tells memories from ordinary moments. /
Only afterwards do they claim remembrance on account of their scars.«

(aus La jetée von Chris Marker)

Während Alejandro González Inárritu mit seinem neusten Werk Biutiful gerade zur linearen Erzählweise zurückgefunden und bewiesen hat, daß er nicht nur ein außergewöhnlicher Regisseur, sondern auch Drehbuchautor ist, geht sein langjähriger Partner und Drehbuchautor Guillermon Arriaga andere Wege. Gemeinsam mit Inárritu hatte Arriaga in Amores Perros, 21 Grams und zuletzt Babel das episodische Erzählen und die Verschachtelung von filmischen Räumen in allen Facetten durchgespielt und auf die Spitze getrieben. In seiner ersten Arbeit als Regisseur eines Langspielfilms greift Arriaga in Auf brennender Erde zunächst einmal die augenscheinlich formalistische Spielerei der episodischen Erzählweise wieder auf. Anstatt jedoch erneut eine Geschichte zu erzählen, die über das kausale Verknüpfen der Episoden zum Ende hin aufgelöst wird, entwickelt er sich formal weiter und entdeckt so eine ganz eigene Art von Erzählweise und Spannungsaufbau.

Die Geschichte beginnt mit dem Bild eines brennenden Wohnwagens in der mexikanischen Steppe, in dem ein Liebespaar in leidenschaftlicher Umarmung verbrennt. Bei der Beerdigung erfährt man durch das Aufeinandertreffen der Familien der Toten, daß beide eigentlich mit anderen Partnern verheiratet waren und eine Affäre miteinander hatten. Trotz der daraus entstehenden Spannung zwischen den Familien beginnen die Tochter der Verbrannten und der Sohn ihres Liebhabers wie die verstorbenen Eltern ein Verhältnis miteinander. Arriaga mischt diese Episode mit weiteren Erzählebenen, die zunächst in keinem offensichtlichen Sinnzusammenhang mit der ersten stehen. Während er bei Innáritu und seinen Filmen die Episoden meist parallel oder linear abfolgend anordnete, springt Arriaga in Auf brennender Erde willkürlich in der Zeit, um die Geschehnisse vor und nach dem Brand des Wohnwagens zu erzählen. Auf diese Weise entsteht ein stereoskopischer Blick für den Zuschauer, der gefordert wird, bei Arriagas erzählerischer Komposition den Überblick zu behalten. Arriaga spielt mit dem Zuschauer Memory, indem er ihm häppchenweise die Stücke der Episoden präsentiert, es ihm zur Aufgabe macht, diese Teilstücke präsentzuhalten und in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Dabei sind die Teilstücke selbst nichts anderes als Erinnerungen der Protagonisten, die wir als Zuschauer aufmerksam zusammenpuzzlen müssen.

Sowohl der eingangs erwähnte Biutiful als auch Auf brennender Erde sind Beweis dafür, daß die Trennung von Inárritu und Arriaga eine kreative Kraft freigesetzt hat, die in beiden Fällen jetzt schon auf die nächsten Filme der beiden hoffen läßt. Arriaga hat sich von seinem strengen Formalismus gelöst, um sich erzählerisch weiterzuentwickeln, während Inárritu gerade das Fehlen der episodischen Form endlich den Raum gibt, sich in seiner Inszenierung vollends zu entfalten. Auf brennender Erde ist ein Film, der sowohl inhaltlich als auch formal über Erinnerungen von Menschen nachdenkt und die Narben aufzeigt, die sie manchmal hinterlassen. In ruhigen langen Einstellungen gefilmt, verfolgt der Film meditativ seine Figuren. Trotz oder gerade wegen der reduzierten Kameraarbeit von Robert Elswit steckt jedes Bild dieses Films voller Spannung, die von dem verkörperten Schicksal seiner Figuren ausgeht. Die quadratische Kadrierung der Kamera scheint die Figuren zu fangen und einzuengen, sodaß sie vor den Schatten der Vergangenheit nicht mehr fliehen können und sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. Auf diese Art beweist Arriaga auch auf visueller Ebene einmal mehr, daß Film das Medium der Erinnerung ist: Das Kino, seine Geschichte(n) und Figuren leben von unseren Erinnerungen, denn letztlich sind sie Ursprung jeglichen inneren Konflikts. 2011-05-20 11:42

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