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The Big Eden

D 2011. R,B,K,S: Peter Dörfler. P: Rohfilm.
90 Min. Central ab 8.12.11

Der letzte Mann

Von Edda Bauer Berlin im Februar 2011. Die Coen-Brüder versetzen mit ihrem Eröffnungsfilm bei der Berlinale die einheimische Kritikerschaft in helle Aufregung. Die alles beherrschende Frage: »›True Grit‹… was heißt das eigentlich?« Wörtlich, Kies. Nee, Gestein. Urgestein, á la Fels in der Brandung. Metaphorisch sowas wie unbeugsam. Ungebrochen. Aufrecht. Aber verwittert. Einer von echtem Schrot und Korn. Der letzte seiner Art. Dinosaurier, quasi. Aus einer anderen Zeit. Aus einer härteren Zeit. Macho. Silberrücken. In Ehren ergraut. Alt und verzauselt. Herrjeh, und jetzt Mal auf gut deutsch?! Na, Rolf Eden. Im Vergleich zum garstig vernuschelten Jeff Bridges bei den Coens verkörpert Rolf Eden nämlich die helle Seite der Macht des »True Grit«.

Eden, der Name ist Programm. Auf 81 Lebens- und ähnlich viele Schaffensjahre als Draufgänger, Entertainer, Bonvivant, Playboy, Abschlepper, Anheizer, Entrepeneur, Jazzmusiker, Selfmade-Millionär, Kneipier, Klubbesitzer und Gelegenheitsschauspieler kann er zurückblicken. Deswegen heißt Peter Dörflers Dokumentation – einer der Geheimtipps auf der diesjährigen Berlinale – nicht einfach nur »Eden«, sondern The Big Eden, nicht zuletzt auch in Anlehnung an Rolfs erfolgreichste Schöpfung, die legendäre Diskothek am Kudamm, die ihm von 1967 bis 2002 einen Haufen Promis, Touris und Kohle bescherte. Kurzum: Rolf Eden scheint die Sonne aus dem Arsch, der übrigens drei Falten hat, was Ex-Freundin Uschi Buschfellner (blond) schon vor 30 Jahren in helles Erstaunen versetzte. Eden kommentiert das per Genießergrinsen mit etwas zu weißen Zähnen im etwas zu tiefen Bronzeteint, Marke Münz-St.-Tropez. Brigitte – »geschrieben Brigitte, gesprochen Brischid« – lächelt dazu formvollendet. Sie ist nicht seine Enkelin, sondern seine Gattin und jüngste Kreation, geschaffen nach Edens Traumbild von Frau: jung, blond, süß, so wie Brigitte Bardot in ihrer besten Zeit. Natürlich fühlt sich Brigitte manipuliert, »so wie Rolf jeden und alles manipuliert und nach seiner Vorstellung formt«.

Damit spricht sie gelassen aus, was Peter Dörfler schon seit zwei Dokumentationen akribisch verfolgt: die egomane Männergestalt. Diese in ihrer puren Form höchst seltene Gattung hat er schon in Der Panzerknacker (2005) und Achterbahn (2009) porträtiert. Der eine, Otto Schäfer, nahm sich einfach, was er glaubte zum persönlichen Glück zu brauchen, erst aus Supermarktkassen, dann aus Geldtransportern. Der andere, Schausteller Norbert Witte, träumte vom eigenen Freizeitpark an der Spree. Als sich dort die Pleite anbahnte, zog er mit seinen Fahrgeschäften nach Peru in den finanziellen Untergang, dem er mit Drogenschmuggel beikommen wollte. Beide Männer sitzen bzw. saßen dafür hinter Gittern. Im Fall von Witte verbüßt der Sohn die Schuld seines Vaters in einem peruanischen Gefängnis, vermutlich noch die nächsten 20 Jahre. Das lapidare Fazit von Schäfer und Witte: Dumm gelaufen! Familien und Freunde der beiden sehen sich als Opfer, Naive, Mitgerissene, Zauderer und ungehörte Mahner. Sie sind, fast alle, wütend auf die großen Egos.

In The Big Eden, dem letzten Teil von Dörflers Egomanen-Trilogie, finden sich jedoch überraschend wenig Wütende. Gerade einmal die Mutter (dunkelbrünett!) seines jüngsten Sohnes Kai (13) fragt sich unverholen in Dörflers Objektiv hinein, wie sie nur so dumm sein konnte, auf so einen windigen Charmeur reinzufallen. Die übrige Schar – darunter einige der sechs weiteren Kinder (von sechs anderen Frauen), Enkelkinder, ehemalige Angestellte, dauerhafte Wegbegleiter, Verflossene und einmalig Abgeschleppte – hat es sich im Garten Eden gemütlich gemacht, mal mehr, mal weniger nah dran an ihrem Schöpfer. In dessen Bannkreis ist alles erlaubt, nur eines schließt er kategorisch aus: Unglück. »Ich hatte selbst immer nur, nur, nur Glück im Leben«, sagt der Sohn eines jüdischen Fabrikanten, der 1933 mit seiner gesamten Familie Berlin in Richtung Palästina verließ. Kein Verwandter der Edens ist Opfer des Holocausts geworden. Rolf selbst hat in der Eliteeinheit Palmach den Kampf um die Staatsgründung Israels überlebt. Ist es da ein Wunder, wenn so einer 1957 nach Berlin zurückkehrt und mit 6000 Mark den ersten von fünf Amüsierschuppen am Kudamm eröffnet? Wohl nicht. Aber was es braucht, ist echter, unbeirrter, unerschütterlicher… eben true true grit. 2011-12-01 15:28

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