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Waste Land

GB/BR 2009. R: Lucy Walker. K: Dudu Miranda, Ernesto Herrmann. S: Pedro Kos. M: Moby. P: Almega Projects, O2 Filmes.
99 Min. RealFiction ab 26.5.11

Das Getöse des Gutmenschentums

Von Tamar Baumgarten-Noort An Vorschußlorbeeren mangelt es nicht. Überhäuft mit Preisen, in Sundance und bei der Berlinale, zuletzt eine Nominierung für den Oscar, ist Waste Land offenbar ein Film, der Herzen rührt. Das zeigt sich schon daran, daß die Auszeichnungen, die der Film bekommen hat, hauptsächlich Publikumspreise sind. Und es nährt sich der Verdacht, daß dieser Film Menschen begeistert, weil seine Zuschauer zwei wichtige Dinge verwechseln: Film und Inhalt. Der Film blendet seine Zuschauer mit einem Thema, das jedes westliche Gewissen rührt, und verdeckt somit die Tatsache, daß er visuell gänzlich uninteressant ist. Waste Land begleitet Vik Muniz, einen erfolgreichen Künstler, bei einem künstlerischen Sozialprojekt. Auf der größten Müllhalde der Welt portraitiert er die Arbeiter, indem er Fotos von ihnen mit Abfall nachstellt. Die Arbeiter helfen selbst mit und verdienen am Verkauf der Kunst.

So wichtig dieses Projekt für die Menschen dort sein mag, so hilflos versagt der Film darin, seiner starken Geschichte eine ihr angemessene Bilderwelt entgegen zu setzen.

Stattdessen wird eine Museumsplakette so lange eingeblendet, bis der langsamste Leser seinen Inhalt verstanden hat, eine Arbeiterin befragt, ob dieses Projekt ihr Leben verändert habe, bis die Tränen kullern, und der Künstler trägt allzuoft ein sehr zufriedenes Lächeln. Kein Wunder, daß der Zuschauer vom Sozialprojekt geblendet wird: Filmemacherin und Kamera sind es auch. Sie sind zu nah dran an dem Künstler, folgen ihm auf Schritt und Tritt, besuchen sogar sein Elternhaus. Sie lassen den zweifellos altruistischen Ansatz von Muniz nie aus den Augen und verlieren dabei den Blick für die wahre Schönheit der Müllarbeiter, für ihre Stärke und ihren Alltag, der geprägt ist von Hoffnung und Durchsetzungskraft. Ihr Stolz ist die eigentliche Geschichte – doch sie geht unter im Getöse des Gutmenschentums. Man kann darüber streiten, ob ein Film, der ein wichtiges soziales Thema anschneidet, einen künstlerischen Anspruch braucht. Einem Film aber, der zeigen will, daß Kunst Gesellschaft transformieren kann, sollte ebendies oberstes Gebot sein. 2011-05-20 12:26

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.
© 2012, Schnitt Online

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