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Bibliothèque Pascal

H/D/GB 2010. R,B: Szabolcs Hajdú. K: András Nagy. S: Péter Politzer. P: Katapult Film, Forward Films, MPF Beteiligungs GmbH. D: Orsolya Török-Illyés, Andi Vasluianu, Shamgar Amram, Razvan Vasilescu, Oana Pellea, Tibor Pálffy, Mihai Constantin, Dorel Visan u.a.
111 Min. Camino ab 9.6.11

Zwischen Wahn, Wahrheit und Lacan

Von Matthias Wannhoff Um die Realität ertragen zu können, hilft manchmal nur ein Ausflug in die Fantasie. Seit jeher macht diese Erkenntnis Kunst und Religion nicht nur wichtig, sondern ebenso angreifbar. Realitätsflucht ist immer auch ein Narkotikum, von dem man in bestimmten Situationen tunlichst die Finger lassen sollte – beim Vorsprechen in einer Behörde etwa. Mona, der Hauptfigur in Bibliothèque Pascal, will gerade das nicht gelingen. Damit ihre Tochter nicht zur Adoption freigegeben wird, soll sie dem Jugendamt erklären, warum sie ihre letzten Jahre nicht in Rumänien, sondern in England verbracht hat. Die halluziniert wirkende Geschichte, mit der sie kontert, vermag den Sachbearbeiter kaum zu überzeugen. Da Kino aus guten Gründen aber nicht von Beamten gemacht wird, sondern von Verfechtern der Einbildungskraft, bekommen wir, die Zuschauer, sie dennoch zu sehen.

Szabolcs Hajdús Film ist schon deshalb nichts für Bürokraten, da es kaum möglich wäre, ihn zu den Akten zu legen – einfach weil man nicht wüßte, in welche Schublade man die bildgewaltige Wahnvorstellung organisierter Kriminalität denn stecken sollte. Es ist ein seltsames Werk, das Anleihen beim Krimigenre macht, in dessen Erzählung sich aber Türen ins Fantastische ebenso auftun wie auffällige Löcher dort, wo man die Spannung vermutet hätte. Das Ineinssetzen von Bedrohung und Nähe, von Gefahr und Vertrautheit verbindet Bibliothèque Pascal zugleich mit dem Horrorfilm, der ja, sagen wir, gerne mal eine Familie im eigenen Haus hinrichtet. Allein, bei Hajdú wirkt die Leidende weniger vom Selbsterhaltungstrieb gesteuert als von etwas, das sich in Ohnmacht und einem chronischen Stockholm-Syndrom äußert. Dadurch werden die Fronten seltsam unscharf.

Es dauert ein wenig, bis man begriffen hat, daß genau hierin die psychologische Methode von Bibliothèque Pascal liegt. Indem etablierte Unterscheidungen weniger irritiert als gar nicht gemacht werden, entsteht ein Blick in menschliche Abgründe, der in seiner Beiläufigkeit verstört. Ein Blick, der bereits in Monas Tochter Viorica angelegt ist, die einen toten Kriminellen zum Vater hat, und daß Mona in der Liebesnacht dessen Geisel war, hätte man tatsächlich kaum bemerkt, wäre da nicht die Pistole in seiner Hand gewesen. Eine Spiegelung dieses Verhältnisses erfolgt gleich zweimal: erstens in Monas Beziehung zu ihrem Großvater, der sie mit einem an Perfidie kaum zu überbietenden Trick an Menschenhändler feilbietet. Zweitens im versklavten Verhältnis zu ihrem Käufer Pascal, der sie unter Drogen setzt und als Prostituierte in eine scheinliterarische Folterhölle steckt. Auch zwischen Mona und dem Zuhälter, der sich als zuvorkommender Gastgeber geriert, entsteht kurz eine befremdliche Art von Nähe. »Es hätte dich viel schlimmer treffen können«, versucht er Dankbarkeit dafür zu erschleichen, daß Frauen bei ihm Oscar Wilde rezitieren dürfen, während sie erniedrigt werden. Nicht zuletzt die Fatalität, mit der die Heldin aus ihrem inneren in einen »öffentlichen« Masochismus gedrängt wird, macht Bibliothèque Pascal zu einer bedrückenden Seherfahrung.

Die Bildsprache, die Szabolcs Hajdú für all das verwendet, ist ohne Zweifel schon in seinem vierten Spielfilm eine sehr eigene. In der geschlossenen Komposition steht Bibliothèque Pascal zwei Filmen nahe, die ebenfalls Phantasmen um Tragödien stricken – Pans Labyrinth von Guillermo del Toro und Sion Sonos Strange Circus. Allerdings wird im Vergleich ein Problem offenbar: Während del Toro Unwirkliches in eine allegorische Beziehung zum Wirklichen stellt, schält sich bei Sono die Wirklichkeit aus dem Eingebildeten heraus. Bei Hajdú hingegen bleiben die Ebenen weitgehend getrennt. Es stimmt deshalb ein wenig ratlos, daß bereits im titelgebenden Bordell die Nähe von fiktiver und tatsächlicher Tragik eingebaut ist – der Film letztlich jedoch Traum über Trauma, Wahn über Wahrheit stellt. Oder um es mit dem großen Jacques Lacan zu sagen: Etwas weniger vom Imaginären hätte Bibliothèque Pascal gut getan. Nicht zugunsten des Symbolischen, das macht der Film klar, wenn er schon zu Anfang auf den verklausulierten Jargon der Behörden schießt. Was fehlt, ist eher die Bindung an das Reale. Denn dort schlüpfen aus Träumen leider keine Blaskapellen, die in den Hades hinabsteigen, um Frauen aus den Klauen der Zwangsprostitution zu befreien. 2011-06-03 12:13

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