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Die Frau, die singt

Incendies. CDN 2010. R,B: Denis Villeneuve. K: André Turpin. S: Monique Dartonne. M: Grégoire Hetzel. P: micro_scope. D: Lubna Azabal, Mélissa Désormeaux-Poulin, Maxim Gaudette, Rémy Girard, Abdelghafour Elaaziz, Allen Altman, Mohamed Majd, Nabil Sawalha u.a.
130 Min. Arsenal ab 23.6.11

Dem Himmel so nahost

Von Dietrich Brüggemann Der Nahostkonflikt in all seinen Verästelungen ist schwer bis unmöglich zu durchschauen, aber seit jeher ein dankbarer Filmstoff. Über die Jahre sind zahlreiche Nahostkonfliktfilme entstanden, sie beginnen oft mit langen Einstellungen auf karge Wüstenlandschaften, dazu eine klagende Ethno-Frauenstimme, begleitet von einem klagenden Ethno-Instrument. Auch dieser Film eröffnet mit einer langen Einstellung auf eine karge Wüstenlandschaft, aber diesmal erklingt dazu eine klagende Männerstimme, sie gehört Thom Yorke, Sänger von Radiohead, Kultband aller Intellektuellen der westlichen Hemisphäre, und schon hier ist klar: Titel hin oder her, das ist nicht der übliche Nahostkonfliktfilm.

Es beginnt im französischen Kanada. Ein Notar eröffnet ein Testament. Der Notar, ein gemütlicher, dicker, älterer Herr, kannte die Verstorbene gut, sie war lange seine Sekretärin. Sie hat zwei Kinder, Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen, beide vielleicht Ende Zwanzig. Die Verstorbene will ohne Sarg begraben werden, ohne Zeremonie, außerdem nackt und mit dem Gesicht nach unten, weg von der Welt. Zudem beauftragt sie ihre Kinder, zwei Menschen zu suchen, von deren Existenz sie bisher nichts wußten, nämlich ihren Vater und ihren Bruder. Die Kinder sind geschockt. Der Bruder will nichts davon wissen, er hielt seine Mutter schon immer für gestört, doch die Schwester geht der Sache auf den Grund. Sie fährt in ein Land im Nahen Osten, dessen Name nie genannt wird, und sucht nach der Geschichte ihrer Mutter. Und ab da werden zwei Geschichten parallel erzählt: Die Suche der beiden Kinder und das, was ihre Mutter 30 Jahre früher durchlitten hat.

Es ist schwer, diesen Film zu rezensieren, ohne zu viel von der Handlung zu verraten, denn viel von seiner Faszination bezieht der Film aus einer immer weiter zurückreichenden Kette aus Verstrickungen und Enthüllungen. Zugrunde liegt das Theaterstück »Verbrennungen« von Wajdi Mouawad, der mit acht Jahren mit seiner Familie aus dem Libanon nach Frankreich und später nach Kanada zog. Aus der endlosen Horrorgeschichte des libanesischen Bürgerkriegs destilliert er ein Drama, das keine konkreten Namen nennt, sondern fragt, wie die Verletzungen der Elterngeneration auch die Nachgeborenen im Exil weiter heimsuchen. Denis Villeneuve vermeidet jeglichen Ethnokitsch und Betroffenheitssumpf, der viele Filme aus dieser Sparte so unerträglich macht, sondern folgt einfach seinen Helden auf ihrem Leidensweg. Fanatiker jeglicher Couleur, bitterböse Brüder, die den Liebhaber ihrer Schwester erschießen, weil er die falsche Religion hat, vermummte Mordkommandos, an deren Maschinengewehren kleine Heiligenbildchen hängen, ein Bus, der samt Insassen wie eine Fackel in der Wüste ausbrennt, dreizehn Jahre in einer Gefängniszelle und am Ende ein Schock, der noch tiefer reicht. Allein schon vom erzählerischen Handwerk her gelingt es Villeneuve meisterhaft, seine Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen fragmentiert und doch mit solcher Klarheit zu erzählen, daß man als Zuschauer niemals aussteigt. Die Handlung ist kompliziert, aber nicht, weil der Filmemacher seinen Film damit interessant machen will, sondern weil die Dinge kompliziert sind.

Nur eins gelingt überhaupt nicht, aber es ist auch das allerschwierigste, gerade bei Filmen, die mehrere Jahrzehnte überspannen – nämlich die überzeugende Alterung der Schauspieler. Wenn ein Mann Kinder zeugt, diesen Kindern ungefähr 30 Jahre später gegenübersteht und noch genauso aussieht wie im Moment ihrer Zeugung, dann ist da eine entscheidende Sache schiefgegangen. Schade bei einem Film, der ansonsten alles richtig macht, von den grandiosen Schauspielern (Lubna Azabal und Mélissa Désormeaux-Poulin muß man erwähnen) bis hin zur makellosen Montage. Auch die Kamera ist wunderbar uneitel und schafft dennoch große Bilder, soweit man das beurteilen konnte anhand der grotesk schlechten DVD, die der Presse gezeigt wurde.

Am Ende steht man da und fragt sich: Hat das Leben hier einen perfiden Plot konstruiert oder ist es eine Mutter, die ihren Kindern aus dem Jenseits noch eine viel zu große Bürde auferlegt? Werden sie jemals damit klarkommen? Geht am Ende doch alles zu einfach? Es sind nicht die schlechtesten Fragen, mit denen ein Film sein Publikum hinaus in die Nacht schicken kann. 2011-06-17 12:04

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