— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die doppelte Stunde

La doppia ora. I 2009. R: Giuseppe Capotondi. B: Alessandro Fabbri, Ludovica Rampoldi, Stefano Sardo. K: Tat Radcliffe. S: Guido Notari. M: Pasquale Catalano. P: Indigo Film. D: Kseniya Rappoport, Filippo Timi, Giorgio Colangeli, Roberto Accornero, Chiara Nicola, Gaetano Bruno, Fausto Russo Alesi u.a.
95 Min. MFA ab 19.5.11

Vexierspiel mit Gefühl

Von Asokan Nirmalarajah Für das Spielfilmdebüt eines routinierten Videoclip-Regisseurs und Werbefilmers präsentiert sich Giuseppe Capotondis Die doppelte Stunde anfangs verdächtig zurückhaltend. Die Bilder sind atmosphärisch dicht, aber unaufdringlich. Die Montage lockt, aber fesselt nicht. Der Soundtrack gefällt, aber verführt nicht. Als Zuschauer wird man unruhig, erwartet jeden Moment, daß die subtil kreierte Spannung in eine Tragödie umschlagen wird. Da besorgt der Film die erste von mehreren Überraschungen gleich zu Anfang: Der farblose Berufsalltag einer einsamen slowenischen Immigrantin, die in einem Turiner Hotel als Zimmermädchen arbeitet, wird jäh gestört durch den Selbstmord eines Gastes. Den Schock überwunden, widmet sich unsere scheue Protagonistin ihrem nicht minder tristen Liebesalltag und landet auf der Suche nach Zweisamkeit beim Speed-Dating. Wider Erwarten nimmt dann doch noch ein Italiener mit einem so verlockenden wie mysteriösen Schlafzimmerblick vor ihr Platz. Die Antwort auf die Frage, ob es zur Romanze kommt, wäre dann aber schon zuviel der Inhaltswiedergabe für dieses feine Vexierspiel, bei dem man bis zum Schlußbild nicht so recht weiß, in welchem Genre man sich befindet.

Dem konzeptionell wilden, in seiner Umsetzung allerdings bemerkenswert stilsicheren Genre-Cocktail gelingt es, in seinen packenden anderthalb Stunden Laufzeit gleich viermal dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Alle 20 Minuten werden die Karten neu gemischt, Allianzen zwischen den Figuren rekonfiguriert, zwischen Realität und Traum gewechselt, bis man beginnt jedes Bild und jeden Schnitt des Films, jeden Blick und jede Geste der Figuren argwöhnisch zu mustern. Die Genre-Konventionen des Liebesfilms, des Kriminalfilms, des Neo-Noirs, des Thrillers und des Horrorfilms werden aufgerufen, um gleich darauf verworfen zu werden. Nicht jede dieser Genre-Wendungen überzeugt, man zweifelt mitunter an der Schlüssigkeit der Figuren, und doch fügt sich alles – sogar die Namen von Figuren, die nie auftauchen, aber von denen oft die Rede ist – zu einem Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Denn zur allgemeinen Überraschung sind die unberechenbaren, von den mechanischen bis hanebüchenen narrativen Kapriolen zeitgenössischer Mindfuck-Filme noch ein Stück weit entfernten Genre-Hybridisierungen des Films nicht seine Hauptattraktion.

Die Erzählexperimente eines David Fincher, M. Night Shyamalan oder Christopher Nolan treiben ihr gefühlskaltes Spiel mit verschachtelten, nicht-linearen Narrativen, unzuverlässigen Identifikationsfiguren und abrupten Handlungswendungen mitunter so weit, daß man als Zuschauer schnell das Interesse an den Figuren verliert. Da sind Schauspieler gefragt, die für die nötige emotionale Resonanz sorgen, wenn sich die Welt um sie herum auflöst. Daß Die doppelte Stunde einen so bleibenden Eindruck hinterläßt, ist deshalb auch weniger dem einfallsreichen Drehbuch geschuldet, als Filippo Timi und der mit dem Coppa Volpi, dem Schauspielpreis der Filmfestspiele von Venedig, prämierten Ksenia Rappoport in den Hauptrollen. Sie legen ihre Figuren als melancholische, emotional gehemmte Einzelgänger an, die in einer mysteriösen Noir-Handlung gestrandet sind, in der beide ihrem unmöglichen Liebesglück nachlaufen. Die größte Überraschung, die der mit viel Gespür für menschliche Zwischentöne inszenierte Film bereithält, ist somit auch sein konsequenter Schluß, der nach all den Irrungen und Wirrungen des Plots keinen letzten Knall liefert, sondern mit Momentaufnahmen von zwei grundsätzlich traurigen Figuren endet.

Es handelt sich dabei nach allem Anschein – zumindest für eine Hauptfigur der Geschichte – um ein Happy End, soviel sei hier verraten. Es handelt sich aber auch um ein Ende, so geben es uns die stimmungsvolle Musik Pasquale Catalanos und die letzte Kameraeinstellung des Films zu verstehen, das nicht ohne eine leise, bittere Ironie auskommt. In der schlichten, wenig stilisierten, aber doch unverwechselbar düsteren Noir-Genrewelt, in der sich der Film trotz aller Anleihen bei anderen Genres letztlich einpendelt, sind auch die Gewinner nicht ohne Verlustgefühl. Und es ist diese melancholische Grundstimmung, die sich als roter Faden durch das Genre-Vexierspiel zieht und es davor bewahrt, den Fokus zu verlieren. 2011-05-13 12:23

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap