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Polnische Ostern

D 2010. R,B: Jakob Ziemnicki. B: Katrin Milhahn. K: Benjamin Dernbecher. S: Dirk Grau. M: Dirk Dresselhaus. P: Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft. D: Henry Hübchen, Grazyna Szapolowska, Parashiva Dragus, Adrian Topol, Barbara Wysocka, Violetta Bronner u.a.
93 Min. Zorro ab 12.5.11

Lügen und Video

Von Ekaterina Vassilieva Man sollte sich nicht beschweren, wenn eine interkulturelle Komödie, welche die Vorurteile scheinbar entkräften möchte, diese im Endeffekt nur verstärkt. Denn um die Begegnung zwischen den Nationen als etwas Komisches zu inszenieren, muß man Eigenschaften, die eine Völkerschaft vermeintlich ausmachen, um so deutlicher hervortreten lassen. In Polnische Ostern haben beispielsweise alle Polen, die wir zu sehen bekommen, einen besonderen Bezug zur (katholischen) Religion, der immerhin in allen möglichen Variationen – zwischen fanatischer Hingabe und verträumtem Wunderglauben – vorhanden sein kann. Die Gesetze, wie eine der Filmfiguren hellsichtig bemerkt, gibt es in Polen zwar auch, aber irgendwie scheint man sie dort nicht ganz ernstzunehmen: Die Polizei kümmert sich mehr um das Seelenheil der Autofahrer als um die Verbrecherjagd, der Immobilienbau wird von der Mafia kontrolliert, und die Jugendschutzbehörde greift in Problemfällen alles andere als wohlüberlegt durch.

Das alles muß Werner Grabosch als Besucher aus Deutschland am eigenen Leib erfahren. Vermutlich würde er sich in das »gefährliche« Nachbarland auch gar nicht begeben, wäre da nicht eine heikle Familienangelegenheit: Nach dem Unfalltod seiner Tochter kommt die über alles geliebte Enkelin Mathilda in die Obhut ihres polnischen Vaters Tadeusz, womit Werner überhaupt nicht einverstanden ist. Er fährt nach Polen, um Beweise für die Unzulänglichkeit der neuen Familie zu sammeln und Mathilda wieder in ihr »schönes deutsches Zuhause« zu holen. Die Beweise, so rät ihm die Jugendamtsmitarbeiterin, lägen am besten als Foto- oder Videomaterial vor. Und so wird Werner, mit einer digitalen Kamera bewaffnet, zum Chronisten der polnischen Großfamilie, die sich jetzt um Mathildas Wohl kümmert. Die beengten Wohnverhältnisse, Streitereien, obskurantistisch anmutende Bräuche – alles wird genau festgehalten, entbehrt aber trotzdem jedes Wahrheitsgehalts. Denn bei den fragmentarischen Rohaufnahmen gehen die Zusammenhänge und Nuancen verloren, die seine (unfreiwilligen) Verwandten – am Ende auch für Werner selbst – liebenswert machen.

Dieser Ungerechtigkeit begegnet der Film mit seiner eigenen Art der Inszenierung, die nicht nur Schatten-, sondern auch Sonnenseiten der Polen berücksichtigt. In grundlegenden Fragen wie dem Wunsch nach menschlicher Nähe und Geborgenheit entdeckt man Gemeinsamkeiten und lernt auch Unterschiede schätzen. Insbesondere die tiefverwurzelte polnische Religiosität, zu der Werner als aufgeklärter Deutscher keinen Zugang mehr hat, erweist sich für ihn und Mathilda als äußerst hilfreich, um den Tod der geliebten Tochter bzw. Mutter zu verarbeiten. Man kann den Kinosessel also mit dem guten Gefühl verlassen, mehr über Polen erfahren und dazu noch gut gelacht zu haben. Doch gerade dadurch, daß der Film den eigenen Bericht nicht in Frage stellt, wirkt sein Polenbild genau so konstruiert wie Werners amateurhafte Aufnahmen und erweckt auch kaum mehr Vertrauen. 2011-05-06 13:13

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