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Utopia Ltd.

D 2010. R,B,K,S: Sandra Trostel. B,M: Thies Mynther. K: Lilli Thalgott. S: Nikolai Hartmann. M: 1000 Robota. P: Tiny Terror Productions, Ruhe Bitte! Filmproduktion.
90 Min. Rapid Eye Movies ab 12.5.11

Die Fahne der Utopie

Von Heiko Martens Film und Musik haben einiges gemeinsam. Sie sind vor allen anderen die Kunstformen, die für den Moment wirken wollen, möglicherweise aber auch für die Ewigkeit geschaffen werden. Prägende Säulen der Popkultur, schon in der Herstellung offenbarend, selbstzerstörerisch – und nicht für lau zu haben. Kunst kostet Geld. Und Künstler wollen leben.

Überhaupt: Geld. In Utopia Ltd. geht es zum Großteil darum. Zu viel für eine Dokumentation über eine Band?

1000 Robota waren der große Hype der Musikpresse – die jüngsten Kinder der »Hamburger Schule«. Aber auch wieder nicht: 1000 Robota verneinen ihre Vorbilder, so wie das Kinder gegenüber ihren älteren Geschwistern tun, die die Schelte der Eltern schon eingesteckt, jedes Verbot erstmalig gebrochen, jeden Kompromiß bereits mühsam ausgehandelt haben. Hier gibt es keinen Rebellenblumentopf mehr zu gewinnen. Oder aber doch?

Andere Bands brauchen mitunter eine lange Zeit, um auch das Medium Film zu besetzen. Metallica haben rund 20 Jahre den Heavy Metal geprägt, bevor sie sich in Metallica: Some Kind of Monster (Joe Berlinger und Bruce Sinofsky, 2004) gegenseitig sezierten. The Ramones haben fast 30 Jahre den Punk verbreitet, bevor End of The Century (Jim Fields und Michael Gramaglia, 2004) einen Abgesang zelebriert. Daß der Rock’n’Roll schließlich nicht nur heroische Leichen, sondern auch Konserven produziert, zeigt der Konzertfilm Shine a Light (Martin Scorsese, 2008) – fast 50 Jahre nach der Gründung der Rolling Stones.

Utopia Ltd. nähert sich der Band 1000 Robota am Puls der Zeit – die Band existiert zu Drehbeginn wenige Monate. Auf diese Weise wird kreiert, was der Sänger Anton Spielmann bezogen auf seine Band benennt: »Wir wollen Entstehung verursachen, nicht erinnern«. Den vermeintlich bekannten Film noch einmal erzählen. Das Rad nicht zurückdrehen, sondern flott in die Zukunft rollen. An anderer Stelle beschreibt Spielmann, welche Musik bei 1000 Robota erwartet werden kann – eine Mischung aus Punk und Wave wie bei Joy Division. Noch eine Fluchtreaktion: Wer sich seiner Eltern schämt, beruft sich auf die Großeltern. Trotzdem sind alle erkennbar demselben Stamm zugehörig. Und der hat heute so viel Rechtfertigung wie zu jeder Zeit.

Utopia Ltd. montiert die üblichen Elemente eines Musikfilms – Pressetermine, Konzerte, Tourimpressionen – mit eher ungewöhnlichen, wenn der Film z. B. in die bürgerlichen Familiengemälde der Bandmitglieder einsteigt. Hier ist auch schon der Grundkonflikt angelegt, der mit Unterzeichnung des Plattenvertrags beginnt und im Bruch mit der Plattenfirma endet. Wieviel Traum ist möglich angesichts der Ökonomie? Wieviel Selbstverwirklichung machbar unter der Fuchtel des Marktstrategischen? Kann »Utopia« gelebt werden, »Ltd.«?

Die Regisseurin Sandra Trostel, die ihre Protagonisten mehrere Monate mit der HDCAM verfolgte, kommt den Musikern in Interviews, aber auch in beiläufigen Beobachtungen bemerkenswert nahe. Natürlich ist da die Attitüde des ungebrochenen Punks. Es wird geraucht, gesoffen, gegrölt, was die Jugend hergibt. Paßt zum gelebten Konzept viel besser als das Anbiedernde einer Biedermann-Jeanette, wie ein Bandmitglied treffend feststellt. Mit solchen Aussagen macht man sich beliebt in der Kulturpresse – endlich jemand, der die Rebellion lebt, zu der man selbst keine Traute hatte. Aber auch zu intelligent für die Massen – sexy halt.

Aber dabei bleibt es nicht – die Rebellion ist nicht mehr nur dagegen. Das System ist durchschaut, fordert zum Spiel heraus. Hieraus resultiert ein selbstkritisches Hinterfragen der Protagonisten. Diese Brüche als selbstverständlich freizulegen ist ein Verdienst des Films. Selten war »Punk« mehr »Post«.

Dieses Spiel kann man auch verlieren. Ob das für 1000 Robota zutrifft, bleibt ambivalent. Der Bruch mit der Plattenfirma ist da – aber mit einer neuen geht es weiter. Zwei Bandmitglieder sind inzwischen an der Uni Hamburg eingeschrieben. Sänger Anton arbeitet in einer Hamburger Bar, wo er sich um die Programmgestaltung kümmert. Trotzdem spielt die Band noch, wird »alle Energie« in den Traum gesteckt. Jemand muß die Fahne des Protestes halt hochhalten. Für den Moment. Oder ein wenig länger. 2011-05-06 13:03

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