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Naokos Lächeln

Noruwei no mori. J 2010. R,B: Anh Hung Tran. K: Ping Bin Lee. S: Mario Battistel. M: Jonny Greenwood. P: Asmik Ace Entertainment, Fuji Television Network, Toho Company. D: Rinko Kikuchi, Kenichi Matsuyama, Kiko Mizuhara, Tetsuji Tamayama, Reika Kirishima, Kengo Kôra, Shigesato Itoi, Eriko Hatsune u.a.
133 Min. Pandora ab 30.6.11

(Not so) Angry Young Man

Von Heiko Martens Das Ende der 1960er Jahre war nicht nur in Europa oder gar nur in Deutschland eine Phase studentischer Revolten, gegen verkrustete Strukturen und eine als bleiern empfundene Zeit. Auch in Japan machte sich der akademische Nachwuchs die Forderungen der internationalen Studentenbewegung zu Eigen und verband sie mit spezifisch japanischen Diskursen wie der Urbanisierung und der Enteignung von Bauern. Entgegen geschichtsklitternder Tendenzen war bei diesen Protesten aber weder hier noch in Asien eine ganze Generation in Bewegung, sondern eine Minderheit, lautstark und nachhaltig in Wahrnehmung und Wirkung.

Und so hat auch Toru Watanabe mit dem Aufruhr auf den Straßen eher wenig am Hut. Zusammen mit seinem besten Freund Kizuki und dessen Freundin Naoko gibt er sich den verspielten Freuden zwischen vertrauter Freundschaft und erotischer Sinnlichkeit hin. Während diese Konstellation in Truffauts Jules und Jim noch auserzählt wird, findet sie in Naokos Lächeln schon früh ein jähes Ende. Kizuki begeht Selbstmord und läßt sowohl Freundin wie auch besten Freund belastet zurück.

Doch der Tote mag aus dem Leben getreten sein – seinen Einfluß auf die beiden Heranwachsenden verliert er mitnichten. Vor allem Naoko wirkt gebrochen. Die sanfte Liebesgeschichte, die sich mit Toru zu entwickeln verspricht, erhält durch ihren psychischen Zustand eine Bürde, die von einem so jungen Paar kaum getragen werden kann. Naoko flieht Toru und die Stadt und zieht sich in ein in wunderbarer Natur gelegenes Sanatorium zurück. Toru bleibt – und ist alsbald damit konfrontiert, daß in Gestalt der lebensfrohen Midori eine junge Frau in sein Leben tritt, die alles repräsentiert, was Naoko für ihn nie recht war und auch niemals mehr wird sein können. Toru wird sich entscheiden müssen zwischen vergangener und zukünftiger Liebe.

Naokos Lächeln zeigt nicht, daß das Private auch politisch ist. Der Aufruhr der Zeit bleibt Kolorit im Hintergrund. Hier tobt der Orkan in und zwischen den Figuren des angenehm überschaubaren Ensembles. Dennoch wird auch im Protagonisten ein Hauch dessen spürbar, was seine unzufriedenen Zeitgenossen in Wut auf die Straße treibt: Die Lasten der Vergangenheit sind eine höllische Last und wem es nicht gelingt, sich mit diesen zu arrangieren und eine Synthese für die Zukunft zu finden, wird untergehen. Naokos Lächeln entzieht sich hier nicht einer Eindeutigkeit, jedoch ohne platt zu werden.

»Eine Liebesgeschichte« sei sein 1987 erschienener Roman, sagt Haruki Murakami über die Vorlage, nach der Naokos Lächeln umgesetzt wurde. Das altbacken wirkende Wort trifft Inhalt und Tonfall des Buches wie auch des Films. Wo der Roman wiederkehrende Themen Murakamis – die Schönheit des Leidens und den Verlust – durch den Filter des Rückblicks erzählt, wirft die Adaption diesen Schleier über Bord. Toru bleibt noch immer der Erzähler der Ereignisse, tut dies aber aus dem Jetzt heraus. Diese dramaturgische Entscheidung war sicher nicht zwingend – man denke nur an die Erzählhaltung aus Ecos Der Name der Rose, die auch in der filmischen Umsetzung nichts an Kraft verliert. Im Verbund mit einer erstklassigen cinematographischen Komposition gelingt es Regisseur Tran Anh Hung, der poetischen Kraft der Vorlage mehr als nahe zu kommen – und zeigt, daß er seit seinem visuell ebenso gelungenen Debüt Der Duft der grünen Papaya nichts verlernt hat.

Was für die Tragödie der Geschichte zählt, wird auch im Setdesign, den Kostümen und nicht zuletzt der Filmmusik fortgeführt. Hier fällt zunächst der zurückhaltende Score von Jonny Greenwood auf, der auch schon für There will be blood eine Untermalung zwischen Klassik und Neuer Musik fand und im Übrigen als Keyboarder und Gitarrist bei Radiohead fungiert. Daneben ist Can zu hören, auch nach über vierzig Jahren noch eine der innovativsten Rockbands der Musikgeschichte. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Oder eben zeitlos. 2011-06-24 12:08

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