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Joschka und Herr Fischer

D/CH 2011. R,B: Pepe Danquart. K: Kolja Brandt, Christopher Haering. S: Toni Froschhammer. M: Sebastian Padotzke, Thom. P: Quintefilm, Dschoint Ventschr Filmproduktion AG, Südwestrundfunk, arte u.a.
140 Min. X-Verleih ab 19.5.11

Spontan ist anders

Von Alexandra Horn Als Pepe Danquart und Joschka Fischer bei einer Begegnung 2005 den Sponti ineinander entdeckten, wurde die Idee geboren, die Geschichte Deutschlands anhand von Fischers Biographie zu rekonstruieren. Mit Joschka und Herr Fischer – so der schizophrene Titel des Films – kehrt Danquart wieder zu seinen Wurzeln, dem politischen Film zurück und macht sich auf die Suche nach dem Sponti-Wesen Fischer.

Es sieht aus, als würde Joschka Fischer die Installation eines Videokünstlers betreten. Mitten in einem weitläufigen, dunklen Raum hängen gläserne Leinwände, auf die Pepe Danquart 24 dreiminütige Filme als Endlosschleife projiziert. Aus 20 Stunden Interviewmaterial mit Fischer hat er im Vorfeld der eigentlichen Dreharbeiten die wichtigsten Punkte in Fischers Leben herausgearbeitet, auf dieser Grundlage Archivmaterial gesichtet und montiert. Die Idee dahinter: die Konfrontation mit historischem Bildmaterial sollte für Fischer die eigene Geschichte wieder lebendig werden lassen, Erinnerungen wecken, spontane Reaktion und emotionales Erzählen provozieren. Mal zeigt der Film Fischers Reaktionen auf die Bilder, über weite Strecken werden die Bilder aber für den Kinozuschauer zum Vollbild und Fischers Kommentar gerät ins Off.

Die Spießbürger der Adenauer-Ära, gut frisierte Männer, im Anzug in der Kneipe sitzend, kontrastiert Danquart mit der langhaarigen Jugendkultur und wilder Rock’n Roll Musik. Bilder aus Vietnam unterlegt er mit Jimi Hendrix’ verzerrter Version der amerikanischen Hymne, zum Straßenkampf in Paris singt Jaques Brel. Es sind Bilder, die sich bereits tief in das visuelle Gedächtnis des Zuschauers eingeschrieben haben. Neu ist das nicht, macht aber das Lebensgefühl der 1960er Jahre spürbar und verständlich, wenn Fischer sagt, es sei in erster Linie die Faszination dieser Zeit gewesen, die ihn angetrieben habe. Amüsiert, aber eher distanziert kommentiert Joschka die Ereignisse. Dabei kokettiert er mit seinem Image vom jugendlichen Rebell und Sponti, der Schule und Lehre abbricht, ohne Abitur Vorlesungen von Adorno besucht, erzählt von der Freundschaft mit Cohn-Bendit, seiner Teilnahme an Straßenkämpfen als Mitglied der militanten Gruppe »Revolutionärer Kampf«, seiner Arbeit bei Opel und seiner Zeit als Taxifahrer. »Im Taxi bin ich zum Realo geworden. Ich habe gelernt, daß das Großartige und das Hundsgemeine in jedem Menschen ganz eng beieinander liegen.«

1982 tritt er in die Partei der Grünen ein und damit beginnt Joschkas Zeit als Herr Fischer. »Keine Atempause – Geschichte wird gemacht« singt die Band Fehlfarben dazu und die Geschichte Deutschlands erscheint wie eine einzige Protestbewegung. Punk, Friedensbewegung, Anti-Atomkraft, Startbahn West, später die Protestbewegung im Osten, der Mauerfall. Vorher aber der Einzug der Grünen in den Bundestag. Die Idee, sich in Turnschuhen als Minister vereidigen zu lassen, war nicht spontan. »Ich hätte lieber andere Schuhe angezogen. Aber es mußte sein; das wurde ausführlich diskutiert.« Zu seiner Zeit als Minister für Umwelt und Energie in Hessen sagt Fischer: »Es war politisch ein echtes Himmelfahrtskommando. Das Sponti-Leben zeichnete sich durch ein hohes Maß an Freiheit aus. Paßte es mir nicht – tschüß!« Danquart zeigt, wie Fischer leidenschaftliche Reden schwingt, während andere stricken. Eine tiefe Bindung zur Partei sei nie entstanden, erzählt Fischer und das Rotationsprinzip beschreibt er als »das große Nichts«. Er kommentiert den Einsatz im Kosovo und sein späteres »No Sir, I’m not convinced« zu Rumsfeld und zum Irakkrieg. Der Film endet mit seinem Rückzug aus der Politik nach der verlorenen Wahl 2005.

Joschka Fischer kommt als leidenschaftlicher, bisweilen leidender Politiker rüber, der im Rückblick mit den Fundis und der Partei hadert, nie aber mit seinen Entscheidungen. Daß er dabei so sympathisch wirkt, liegt nicht nur an zahlreichen selbstironischen Sprüchen und witzigen Anekdoten, sondern auch daran, daß Danquart keine unbequemen Fragen stellt. Die Kritik an Fischer handelt der Regisseur mit Bildern vom Parteitag der Grünen ab, bei dem Fischer nicht nur mit einem Farbbeutel attackiert und mit Gegenargumenten konfrontiert wird. Interviews mit Zeitzeugen wie Schauspielerin Katharina Thalbach, dem »Haschrebell« Knofo Kröcher oder Daniel Cohn-Bendit provozieren ebenfalls kaum Widersprüche. Gar nicht erwähnt wird seine widersprüchliche Haltung in den Tscheschtenienkriegen, die Visa- Affäre, seine heutige Beschäftigung als Lobbyist für RWE, OMC und Siemens.

Joschka und Herr Fischer ist über 140 Minuten nie langweilig. Jenseits der TV-Ästhetik von Blue-Screen und Reenactment hat Danquart eine kinotaugliche Form entwickelt, bei der der Zeitzeuge in den Bildern der Zeit von der Zeit spricht. Der fließende Übergang der Bilder und Kommentare vom On ins Off erzeugt wenig Brüche oder Pausen und läßt den Zuschauer in die Geschichte eintauchen, weckt eigene Erinnerungen und Emotionen. Im Gegensatz zur Videokunst z.B. eines Omer Fast hat Danquart kein Interesse daran, durch den Schnitt die scheinbare Geschlossenheit von Erzählungen aufzubrechen und die Konstruiertheit von Geschichte(n) und Erinnerung aufzuzeigen. Danquarts Verständnis von Authentizität beruht im Wesentlichen auf Spontaneität. Nichts sei gestellt, keine Szene wiederholt, betont er. Der Versuch, Spontaneität durch Konfrontation mit historischem Bildmaterial herzustellen, scheitert jedoch. Das mag an der abgeklärten Distanz liegen, die Herr Fischer heute zu Joschka hat oder am Mangel an Provokation. Da hätte man sich etwas mehr Sponti-Mentalität von den beiden gewünscht. 2011-05-13 11:53
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