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Geliebtes Leben

Life, Above All. D/ZA 2010. R: Oliver Schmitz. B: Dennis Foon, Péter Palátsik. K: Bernhard Jasper. S: Dirk Grau. M: Ali N. Askin. P: Dreamer Joint Venture Filmproduktion, Enigm. D: Khomotso Manyaka, Thato Kgaladi, Keaobaka Makanyane, Harriet Manamela u.a.
102 Min. Senator ab 12.5.11

Wo das Herz ist

Von Daniel Bickermann Wenn ein deutsches Filmteam in Südafrika ein Aids-Drama über ein Mädchen dreht, das für seine zunehmend zerfallende Familie gegen das Krankheitstabu der Dorfgemeinschaft ankämpfen muß, darf man Angst haben. Üblicherweise gehen solche Ferndiagnosen zwangsläufig schief: Beschreibt man die Zustände als gut, setzt man sich dem Vorwurf der Verkitschung und Verharmlosung aus; beschreibt man sie als schlecht, gerät man in herablassendes Mitleid. Der einzige Ausweg ist bedingungslose Glaubwürdigkeit, die aber angesichts der geographischen und kulturellen Fremdheit kaum möglich scheint.

Fast eine Stunde lang balanciert Geliebtes Leben auf dem schmalen Grat zwischen diesen beiden Übeln, und in einigen Momenten scheint es, als würde der Film vom Gewicht seiner übermäßigen Ambition in die Tiefe gerissen. Vor allem das Drehbuch des Amerikaners David Foon hat die kanadische Jugendromanvorlage nicht ordentlich ausgemistet und scheint mit den Themen Korruption, Aberglaube, Kinderprostitution, Aids, Armut, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit alle systemischen Probleme Afrikas auf einmal abhandeln zu wollen – und dabei keines wirklich tiefer zu begreifen. Bei jeder auftretenden Figur weiß man sofort, ob sie zu den Guten oder Bösen gehört, und Subtext wird auch gerne laut herauserklärt.

Überraschenderweise sind es (neben der bemerkenswerten 13jährigen Hauptdarstellerin) ausgerechnet die anfangs noch als Hindernis verdächtigten deutschen Beteiligten, die aus einem klischeebeladenen Dritte-Welt-Stoff ein ergreifendes Familiendrama machen, das in Cannes Preise und Zuschauerherzen gewann. Allen voran empfiehlt sich Kameramann Bernhard Jasper mit poetischen Bildern und einer gloriosen Farbpalette für größere Aufgaben. Aber auch der bisherige Fernsehregisseur Oliver Schmitz beweist in den hochdramatischen Momenten, an denen es hier nicht mangelt, ein ausgezeichnetes Gespür für stille und subtile Emotionsführung. Die Umstände, die zu solchen Situationen führen, wirken häufig konstruiert oder allzu gewollt – doch die Situationen selbst sind so kraftvoll, anrührend und wahrhaftig, daß man so manches Plotloch gerne vergißt. 2011-05-06 12:11

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.

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