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Barfuß auf Nacktschnecken

Pieds nus sur les limaces. F 2010. R,B,K: Fabienne Berthaud. B: Pascal Arnold. K: Nathalie Durand. S: Pierre Haberer. M: Michael Stevens. P: Canal Plus, CinéCinéma, Le Petit Bureau. D: Diane Kruger, Ludivine Sagnier, Denis Menochet, Brigitte Catillon, Jacques Spiesser u.a.
103 Min. Alamode ab 5.5.11

Stadt, Land, Kuß

Von Frederik König Bäume, deren Stämme in kunterbuntgeringelte Strickpullis eingewickelt sind, daneben Miniaturzäune aus Puppenfüßen im weichen Humus des Waldbodens und dazwischen ein blondes Mädchen, das über und über mit schleimigen Nacktschnecken besetzt ist und einem mit den Worten: »Wollt ihr auch eine Nacktschnecke?« entgegenlächelt. Dieses Mädchen ist Lily (Ludivine Sagnier), die jüngere von zwei Schwestern, die in einer unberührten Fantasiewelt auf dem Land bei ihrer Mutter lebt, während die große Schwester Clara (Diane Kruger) ihr bürgerliches Ehe- und Berufsleben in der französischen Großstadt führt. Der Tod der Mutter bringt die ungleichen Schwestern wieder zueinander. Lily scheint in den Augen von Clara alleine lebensunfähig. Sie zieht deshalb zu ihr aufs Land in das Haus der Eltern. Durch die Konfrontation und den Konflikt mit ihrer freiheitsliebenden Schwester sowie die Erinnerungen an die Eltern, schafft es Clara, sich nach und nach aus ihrem verklemmten und zwanghaften Alltagstrott zu befreien. Die dialektische Aneinanderreihung der Motive, die in den Figuren Lily und Clara stecken, führt zu immer neuen Momenten, die sich aus der einfachen Grundkonstellation entwickeln und Konflikte ganz von selbst entstehen lassen: Die Wildnis der ländlichen Idylle steht im Gegensatz zur städtischen Ordnung, die Freiheit auf dem Land steht als Antithese zu den Zwängen innerhalb des bürgerlichen Systems der Stadt, die Monogamie der verheirateten Clara kontrastiert die Polygamie Lilys, die sich an der Dorfjugend vergreift, Lilys offener und spielerischer Umgang mit dem Selbstmord des Vaters führt zum Konflikt mit Claras Verdrängung der Ereignisse usw.

Diese Art der erzählerischen Dialektik findet ihre Entsprechung in den beiden Schauspielerinnen Diane Kruger und Ludivine Sagnier. Ludivine Sagnier spielt die Lily impulsiv, mit der richtigen Mischung aus überschäumendem Temperament und liebevoller Ruhe. Ihr sommersprossiges Gesicht voller Bewegung und Mimik steht ganz im Gegensatz zum kontrollierten, nur minimale Emotionen zeigenden Spiel Diane Krugers. Dieses reduzierte Spiel, das ihr oftmals als Nichtkönnen angekreidet wurde, paßt hier perfekt zur Rolle. Sie verkörpert den Typus der verklemmten, spießigen Großstädterin. Was ihre Leistung in Barfuß auf Nacktschnecken diesmal wirklich sehenswert macht, ist, daß sie diese Fassade in einigen Momenten aufbrechen läßt, in denen auch ihr Charakter Clara sich löst und fallen läßt: Irgendwann lädt Lily ein paar Zigeuner zu sich und ihrer Schwester ins Haus der Eltern ein. Zuerst hat man ein wenig Angst um die Schwestern, doch Schritt für Schritt entpuppen sich die düsteren Gesellen als freiheitsliebende, sympathische Menschen, mit denen sie ein Grillfest feiern. Am Ende des Abends gibt es einen leidenschaftlichen Kuß, und am nächsten Morgen sehen wir Clara neben einem der Gäste erwachen. Der Zigeuner verläßt Bett und Zimmer, während sich Clara verspielt im Bett räkelt und ein fröhliches, kindliches Lächeln zeigt, das mehr als tausend Worte sagt. 2011-04-29 12:00

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