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Bad Boy Kummer

CH/D 2010. R: Miklós Gimes. K: Filip Zumbrunn. S: Barbara Landi. P: T&C Film AG, Busse & Halberschmidt.
92 Min. W-film ab 5.5.11

Das Kummer-Theater

Von Christian Lailach Die Untreuen umgibt häufig eine Magie, eine Anziehung, der ebenso schwer zu widerstehen, wie diese zu ergründen ist. Wenn dann der Priester – womöglich aus gleichem Grunde – zum Uneinsichtigen kommt, doch dieser sich weder bekehren, noch leiten lassen mag, dann entstehen ungeahnte Sympathien.

Wem gebührt also dein Mitleid? Dem Blender, dem Ungläubigen, der die ganze Medienlandschaft hinters Licht geführt hat? Der jetzt, zehn Jahre danach, immer noch nicht loslassen darf? In dessen Küche nun so ein Kollege hockt und immer wieder die gleichen Fragen stellt. Ob er ein schlechtes Gewissen habe und ob er sich vorstellen könne, welchen Schaden er damit angerichtet habe. Buße solle er nicht wirklich tun, obwohl es eigentlich doch ganz angebracht wäre. Irgendwie so in der Art.

Oder hat dieser nicht recht? Der Forscher, der Gläubige, der beim verzweifelten Versuch, dem Kollegen, der sich gerade als Tennislehrer verdingt, einen Hauch von Reue zu entlocken, sich immer wieder vor die gleichen Fragen gestellt sieht. Wie kann ein Mensch derart ignorant sein? So abgebrüht und fern der Wahrnehmung der restlichen, der heilen, ehrlichen Welt?

Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Doch kurz zu den Fakten. Tom Kummer hat vor gut zehn Jahren alle hinters Licht geführt. Er war bei Tyson im Knast und half Stone ins Abendkleid. Anderson, Tarantino, Love, Bronson, Cage. Ihnen allen entlockte er intimste Bekenntnisse. Doch irgendwann fiel einem findigen Presseagenten auf, daß Kummer dieses Interview nie geführt haben konnte, und alle aus den Wolken! Wie? Tysen hat nie Hemingway gelesen? Und Einstein kennt er dann wohl auch nicht? Das Knistern bei Stones? Nie dagewesen? Hat sich halb Deutschland beim Lesen des Süddeutsche Magazins falsche Bilder ausgemalt? Sich quasi selbst belogen, weil es einem Lügner auf den Leim ging? Unvorstellbar!

Kummer war sodann das Bauernopfer, er wurde fallengelassen. Die einen wollen nie etwas geahnt haben. Die anderen vermuten ein ausgemachtes Komplott. Und Kummer? Er schüttelt den Kopf, fragt sich und die Welt, was denn so schlimm daran sei, wer all dies geglaubt hätte, sei letztlich selbst schuld. Keine Denunziationen, keine Einsicht. Nur Unverständnis.

Technisch mag Gimes hier ein wenig am Puls der Zeit vorbeigeschrammt sein. 70er-Jahre-Splitscreens lassen Gefühle von Pop Art aufkommen. Gangsterfilm, Verfolgungsjagden. Oder zumindest Spannung. Spannung, wo keine ist. Kummer ist kein Kriminalfall. Alle wissen Bescheid, doch Gimes setzt seinen Bad Boy hin und wieder wie den Schwarzen Mann auf die Anklagebank. Das tut nicht gut, stört aber auch nicht, da sich die Spannung auf einer ganz anderen Ebene abspielt. Ob bedauernswerter Weise oder auch nicht, Gimes fährt mit dem Gedanken oder zumindest der Hoffnung, er könne hier mehr Licht ins Dunkel bringen, nach Los Angeles. Doch niemand will so recht mitspielen in diesem Spiel. Die, die Kummer einst nicht hintergangen hat, scheinen ihn zu mögen, gar zu lieben. Die Herren Ex-Chefredakteure hingegen distanzieren sich ganz klar, wollen eigentlich gar nicht mehr über den Jungen reden. Die Zeit ist vorbei, jeder Gedanke an Kummer einer zu viel. Es ist ein Ego-Trip Gimes’, auf den sich keiner so recht einlassen will. Am wenigsten Kummer selbst. Er inszeniert sich, spielt das Spiel, das er im Schlaf beherrscht. Mantraartig beteuert er sein Unverständnis, streitet nie ab, das getan zu haben, was ihm vorgeworfen wird. Er nimmt Gimes allen Wind aus den Segeln und mißbraucht diesen zu seinem eigenen Zwecke.

Das einzige, was Gimes jetzt noch bleibt, ist sich und sein hehres Ziel aufzugeben, sich einzulassen auf den Selbstdarsteller. Ihm Raum zu geben, doch gleichermaßen sein leichtfüßiges Tänzeln, das glatte Ausweichen in Zaum zu halten. Er wird nichts sagen, sich nicht selbst demontieren, keine womöglichen Absprachen nach zehn langen Jahren brechen. Ein Thor, wer hier noch immer anderes erwartet. Gimes tut all dies und nimmt schmerzlich hin, daß der Bad Boy – wie so oft – auch Everybody’s Darling ist. Niemand wird ihn aufhalten können! Gimes kommt so ganz galant aus der Sache heraus, zumal es ihm gelingt, trotz aller Zugeständnisse, Kummer zwar die Bühne, nicht aber das Stück, seinen Film, zu überlassen. 2011-04-29 11:53

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