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La Lisière – Am Waldrand

La Lisière. F/D 2010. R,B: Géraldine Bajard. K: Josée Deshaies. S: Bettina Böhler. M: Mrs. Good. P: 23/5 Filmproduktion, Cinema defacto. D: Melvil Poupaud, Audrey Marnay, Hippolyte Girardot, Phénix Brossard, Delphine Chuillot, Elias Borst-Schumann, Susanne Wuest, Pauline Acquart u.a.
100 Min. RealFiction ab 28.4.11

Wie man in den Wald hineinruft

Von Sven Lohmann Hans-Christian Schmid ist ein Kopf, der dem (deutschen) Film bislang außerordentlich gut tat und uns als Regisseur immerhin so frische und originelle Jugendfilme beschert hat wie Nach fünf im Urwald und 23, in jüngerer Zeit dann auch »ernstere« Stoffe wie zuletzt den politisch engagierten Sturm und die sozialkritische Doku Die wunderbare Welt der Waschkraft. Nun hat er den französischen Film La Lisière mitproduziert – und damit ausnahmsweise einen schlechten Riecher bewiesen, denn an diesem Film stimmt, rundweg, das wenigste.

Mit La Lisière schrieb und inszenierte Géraldine Bajard, die unter anderem an der dffb studiert hat, ihren Debütfilm. Ihr schien es ein Anliegen gewesen zu sein, einen düsteren, mysteriösen Film über Halbwüchsige als Bedrohung in einer Scheinidylle zu machen, im Stil irgendwo angelegt zwischen Lynch und Haneke. Die zentrale Figur in La Lisière ist der junge Arzt François aus Paris, der einen Job bekommt in einer Siedlung mit dem klangvollen Namen »Les Hauteurs de Beauval«, einem Dorf vom Reißbrett, das für Bessergestellte mitten auf dem Land aus dem Boden gestampft wurde. In dieser biederen Gemeinschaft spielt die Dorfjugend mit ihren nächtlichen Mutproben im Wald eine nur schwer einschätzbare Rolle und macht François intriganterweise zum Gegenstand ihrer Rituale.

Es überwiegt beim Ansehen zunächst der Eindruck, Bajard sei bei der Wahl der Stilmittel einfach maßlos über das Ziel hinausgeschossen und habe damit dem Film ein unangemessen schlechtes Aussehen gegeben. Daß die Darsteller sämtlich spielen wie Schaufensterpuppen auf Valium, daß die Dialoge geradezu unbegreiflich hölzern und aufgesetzt sind, und dann auch noch diese völlige Emotionslosigkeit allenthalben – das kann in dieser Penetranz ja eigentlich kein Versehen mehr sein. Bajard wird vermutlich die »emotionale Vergletscherung« der Gesellschaft in Szene setzen wollen, den oberflächlichen Schein der Bürgerlichkeit. So weit, so gut, aber bei allem Kunstwillen ist diese Inszenierung doch vor allem peinlich und unbeschreiblich langweilig. Verglichen mit La Lisière bekommt man selbst noch bei Haneke-Filmen wie Bennys Video vor Aufregung einen Herzinfarkt. Ganz besonders bedauerlich ist übrigens die Humorlosigkeit von La Lisière, denn hätte man hier nicht auf jegliches Gran Witz oder Ironie verzichtet, hätte das Konzept vielleicht sogar noch gerade aufgehen können.

Es zeigt sich dann aber, daß der Film es auch durch die Geschichte einfach nicht schafft, interessant zu werden. Die Figuren bleiben unnachvollziehbar und ohne Tiefe, schon François ist außergewöhnlich blaß. Die Jugendlichen und ihre Elternhäuser werden dann völlig unglaubwürdig, wenn wir bei François’ Arztbesuchen dort wohlbehütetste Verhältnisse vorfinden – und es trotzdem offenbar niemanden juckt, daß die Jugendlichen sich ständig nachts im Wald herumtreiben, um vor vorbeifahrende Autos zu springen. In der dörflichen Siedlung ist anscheinend eine Anonymität möglich wie sonst nur in der Großstadt. Ähnlich die Handlung: Es werden bedeutungsschwanger immer neue Stränge begonnen, die dann im Nichts verlaufen, wie etwa die Rolle des rätselhaften Managers der Finanzgruppe, der sich in seiner Villa als Häuptling des Dorfes geriert. Und wenn als Höhepunkt der Handlung eines der jungen Mädchen stirbt, hat auch das keine nennenswerten Konsequenzen für die Geschichte. Das alles mag meinen, was es auch sagt: Daß das Leben in dieser Siedlung wie ein schlechter Film sei. Nur für das Endprodukt ist diese Darstellung so natürlich äußerst ungünstig. Zwischendrin gibt es in der Tat zwei oder drei Szenen, die einen seltsamen Sog entwickeln, eine unwirkliche Atmosphäre, und in denen man glaubt, alle bislang angehäufte zusammenhanglose Substanz müsse sich jetzt endlich verdichten und Sinn ergeben. Passiert dann aber doch nicht. Letztlich bleibt eine lose Ansammlung von Andeutungen und verschenkten Ansätzen zurück; die eigentliche Grundidee des Films – Teenager erklären Zugezogenen zur allgemeinen Zielscheibe – ist praktisch nicht nachvollziehbar. Der melancholische und atmosphärische Indierock-Soundtrack von Mrs. Good, das sei abschließend erwähnt, ist dennoch ganz hörenswert. Aber den kann man ja auch unabhängig vom Film genießen. 2011-04-21 17:37

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