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Mütter und Töchter

Mother and Child. USA/E 2009. R,B: Rodrigo García. K: Xavier Pérez Grobet. S: Steven Weisberg. M: Edward Shearmur. P: Everest Entertainment, Cha Cha Cha, Mockingbird Pictures. D: Naomi Watts, Annette Bening, Kerry Washington, Samuel L. Jackson, Jimmy Smits, S. Epatha Merkerson, Cherry Jones, David Morse u.a.
126 Min. Universum ab 28.4.11

Drei sind einer zuviel

Von Arezou Khoschnam Alejandro González Iñárritu hat es vorgemacht. Mit Amores Perros, 21 Gramm und Babel hat der mexikanische Filmemacher drei international ausgezeichnete Werke geschaffen, die vor allem durch ihre raffinierte Episodenstruktur beeindrucken. Die einzelnen Handlungsstränge stehen einerseits für sich, doch gehen sie auf inhaltlicher Ebene über die eigenen Grenzen hinaus, so daß ein organisches Ganzes entsteht. Die kunstvoll miteinander verstrickten Episoden werfen Fragen nach der Schicksalhaftigkeit menschlichen Lebens und den Konsequenzen menschlichen Verhaltens auf.

Iñárritus Landsmann Rodrigo García, Sohn des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, hat es ihm nachgemacht. Zuvor schon hatten die beiden zusammengearbeitet, nun hat sich Regisseur García für seinen aktuellen Film erneut Iñárritu als verantwortlichen Produzenten ins Boot geholt und sich dessen formales Markenzeichen ganz offensichtlich zum Vorbild genommen. Damit setzt er sich unausweichlich einem knallharten Vergleich aus, in dem er nicht ebenbürtig glänzen kann.

Mütter und Töchter erzählt von drei Frauen, deren Schicksale eng miteinander verknüpft sind. Über allen hängt ein Damoklesschwert, das einschneidende Veränderungen in ihr jeweils routiniertes Leben bringen wird.

Karen ist Anfang fünfzig und alleinstehend. Die kontrollierte Physiotherapeutin lebt zusammen mit ihrer Mutter, die auf ihre Pflege angewiesen ist. Seitdem diese sie im Alter von vierzehn Jahren gezwungen hatte, ihr Baby zur Adoption freizugeben, herrscht zwischen Mutter und Tochter ein stark unterkühltes Verhältnis.

Elizabeth ist eine zielstrebige Anwältin, die im Berufsleben genauso hartherzig auftritt wie in ihren Beziehungen zu Männern, die oft wechseln und nur von kurzer Dauer sind. Sie ist seit Teenagertagen auf sich allein gestellt und hat nie gelernt, zu anderen Menschen eine engere Bindung einzugehen. Schnell wird dem Zuschauer suggeriert, daß es sich bei Karen und Elizabeth um Mutter und Tochter handelt, auch durch das pointierte Spiel von Annette Bening und Naomi Watts, die den beiden Figuren eine genetische Verwandtschaft nahelegen. Karen und Elizabeth sind kontrolliert, streng, abweisend und jede auf ihre eigene Art zutiefst betrübt. Annette Benning macht als Karen im Laufe des Films gar eine regelrechte Metamorphose durch und es scheint, als spiele sie nacheinander zwei unterschiedliche Rollen. Als ein neuer Kollege in Karens Leben tritt und behutsam ihren Panzer durchbricht, kann Karen endlich wieder lachen und fängt an, ihr Leben zu genießen. Den Spagat zwischen der verletzten Seele und der aufblühenden Frau weiß Bening mit einer nuancierten Genauigkeit darzustellen und es ist großartig, ihr dabei zuzuschauen. Auch Naomi Watts fasziniert in der Rolle der gefühlskalten Elizabeth. Eine Frauenfigur, die von ihren bisherigen Rollen stark abweicht, weshalb die Besetzung auf den ersten Blick Zweifel aufwerfen mag. Doch Watts’ nachhaltige Darstellung ist so intensiv und lückenlos, daß es für den Zuschauer nach Mütter und Töchter schwierig sein wird, dieses Bild wieder abzulegen.

Die dritte Geschichte jedoch kann ihren Platz in diesem Drama nicht so recht behaupten. Darin geht es um die Afroamerikanerin Lucy, die glücklich verheiratet ist und eine eigene Konditorei betreibt. Zum vollkommenen Glück fehlt ihr nur noch ein Baby. Während Garcia bei Karen und Elizabeth eine sehr ruhige Erzählweise wählt, schlägt er bei Lucy einen Ton an, der manchmal unfreiwillig ins Humoreske abschweift. Daß Lucy am Ende des Films wider aller Hindernisse schließlich ein Kind adoptieren kann, wirkt etwas konstruiert und durchbricht den harmonischen Parallellauf zwischen Karen und Elizabeth. Die Betonung des Schicksals als Entscheider über Glück und Leid hinterläßt dabei einen leicht pathetischen Nachgeschmack, unter dem Garcías Regieleistung zwar leidet, aber glücklicherweise nur ein wenig. Denn der Mexikaner erweist sich im Großen und Ganzen als feinfühliger Erzähler und genauer Beobachter seiner Figuren, ohne je aufdringlich zu werden. Die Nähe zwischen Figuren und Zuschauer macht die leichte Überlänge in keiner Sekunde spürbar und von García ist im Rahmen des großen Gefühlskinos sicher noch einiges zu erwarten. 2011-04-21 17:28

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