— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Red Riding Hood

USA 2011. R: Catherine Hardwicke. B: David Leslie Johnson. K: Mandy Walker. S: Nancy Richardson, Julia Wong. M: Alex Heffes, Brian Reitzell. P: Warner Bros. Pictures, Random Films, Appian Way. D: Amanda Seyfried, Gary Oldman, Billy Burke, Virginia Madsen, Shilo Fernandez, Max Irons, Lukas Haas, Julie Christie u.a.
100 Min. Warner ab 21.4.11

Pomp und Peinlichkeit

Von Nils Bothmann Werwolffilme sind häufig Metaphern für wild außer Kontrolle geratene Sexualität, bei männlichen Jugendlichen (American Werewolf), bei älteren Männern im zweiten Frühling (Wolf) oder bei pubertierenden Mädchen (Ginger Snaps). Derartige Analogien hat Red Riding Hood, Catherine Hardwickes neuester Film nicht zu bieten; im Gegensatz zu ihrem Twilight ist Sexualität aber durchaus ein ausgelebtes Thema, ihrer Hauptfigur Valerie gönnt sie jedenfalls einen Beinahe-Koitus mit ihrem Liebsten, was die wohl gelungenste Szene des Films darstellt: Zu den Klängen von Fever Rays »Keep The Streets Empty For Me« übermannt die beiden Dorfkinder die Leidenschaft, im Hintergrund lodert sinnbildlich ein Feuer und die Stimmung erreicht ihren Siedepunkt – bis jemand spricht. Das unterbricht nicht nur die Figuren auf diegetischer Ebene, sondern führt auch das Dilemma des Films vor Augen: Hardwickes Bildsprache ist nicht überragend, kann aber stimmige Augenblicke zaubern, doch der Text, genauer gesagt das Drehbuch, erstickt hier jeden guten Ansatz bereits im Keim.

Schon die Auftaktszene spricht Bände: In einem mittelalterlichen Dorf wollen Kinder nur unter Tränen Abschied von einem Ferkel nehmen, das dem ortsansässigen Werwolf zwecks Einhaltung eines Friedenspaktes ausgeliefert werden soll – scheinbar sind die Bewohner alle Vegetarier oder haben ihren Supermarkt ganz besonders gut in den Kulissen versteckt, denn warum sollten waschechte Landkinder so viel Aufhebens um ein Ferkel machen? Doch Red Riding Hood verfehlt nicht nur das Ziel, ein ansatzweise stimmiges und glaubwürdiges Szenario zu erschaffen, auch auf Plotebene will kein Baustein zu dem anderen passen. Selbst dem Werwolf, einer per se einschüchternden Kreatur, nimmt er allen Schrecken, indem er ihm ein Motiv für seine Taten gibt (anstelle von bestialischer Raserei, der jeder zum Opfer fallen kann) und ihn sogar via Telekinese sprechen läßt, womit jede bedrohliche Aura des Untiers dahin ist.

Als waschechter Horrorfilm will Red Riding Hood eh nicht verstanden werden, es ist eine jener mit Horrormotiven angereicherten Romanzen, die seit Twilight boomen und dessen Konzept hier brav übernommen wird: Eine adrette Frau zwischen zwei Posterboys, innerliche Gefühlsverwirrungen und äußerliche Gefahren durch mörderische Kreaturen sorgen für Konfliktpotential, dargebracht mit der Komplexität und Tiefe einer Foto-Lovestory aus der »Bravo«. Und der porentiefen Reinheit einer Clearasil-Werbung, denn selbst gemeuchelte Werwolfopfer mit drei dekorativ aufgeschminkten Kratzern sehen noch wie aus dem Ei gepellt aus. Leider wirken die Figuren genauso steril und unpersönlich, die zwischenmenschlichen Konflikte erzeugen nie Interesse.

Gleichzeitig versucht sich Red Riding Hood auch noch als Werwolf-Whodunit, da er die Identität des Untieres im Gegensatz zu vielen Genrekollegen erst im Finale enthüllt, doch auch hier versagt das Drehbuch David Johnsons, der 2009 noch mit dem extrem spannenden und ziemlich cleveren Orphan – Das Waisenkind überzeugte. Unmotiviert werden dem Zuschauer mögliche Verdächtige um die Ohren geklatscht, eine Person wird als ganz besonders verdächtig präsentiert und kann es der Thrillerlogik zufolge schon mal nicht sein, denn der (immerhin halbwegs funktionierende) Twist im Finale muß ja gewährleistet sein. Doch auch ein Whodunit wirkt nur mit überzeugenden Charakteren oder dem richtigen Spannungsbogen; Red Riding Hood hat weder das eine noch das andere zu bieten.

Newcomerin Amanda Seyfried bleibt als Valerie erschreckend blaß, ihre aseptischen Verehrer Shilo Fernandez und Max Irons agieren so hölzern, daß sie der Tannenwald an die Wand zu spielen droht und lediglich Virginia Madsen und Billy Burke sind als Eltern des Rotkäppchen in spe darauf bedacht, ihre Würde zu wahren. Einen ganz anderen Weg geht da Gary Oldman als fanatischer Kirchenmann und Werwolfjäger, eher Inquisitor als Priester, ein Kapitän Ahab, der anstelle von Walen Werwölfe verfolgt: Konsequent reißt er die Szenen als Overacting-Rumpelstilzchen an sich (bevorzugt aus der Untersicht gefilmt) und verleiht dem sterilen Treiben zumindest einen Funken Leben. Denn da mag die Ausstattung noch so verschwenderisch pompös präsentiert werden – Red Riding Hood ist meist nur furchtbar öde und leer, in seinen schlechtesten Dialogzeilen sogar regelrecht peinlich. 2011-04-19 12:14
© 2012, Schnitt Online

Sitemap