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Four Lions

GB 2010. R,B: Christopher Morris. B: Jesse Armstrong, Sam Bain, Simon Blackwell. K: Lol Crawley. S: Billy Sneddon. P: Warp Films. D: Riz Ahmed, Arsher Ali, Nigel Lindsay, Kayvan Novak, Adeel Akhtar, Benedict Cumberbatch, Julia Davis, Craig Parkinson, Preeya Kalidas u.a.
97 Min. Capelight ab 21.4.11

Das Eigene im Fremden

Von Asokan Nirmalarajah Die Frage, die das kontroverse Filmdebüt des renommierten britischen Radio- und Fernsehmachers Chris Morris aufwirft, ist nicht – wie vielerorts in der Rezeption seiner Dschihad-Satire Four Lions zu lesen –, ob man über Terroristen lachen darf. Wenn überhaupt signalisiert die turbulente Slapstick-Komödie, daß man nun endlich wieder über Terroristen lachen kann. Wurden doch im Schatten von 9/11 nicht wenige Filme, die Terrorismus behandelten, umgeschnitten, aufgeschoben oder gleich abgesagt. James Cameron, der zu der Zeit noch an einer Fortsetzung zu seiner selbstparodistischen Actionkomödie True Lies (1994) arbeitete, in der Arnold Schwarzenegger für das Wohl der nationalen Sicherheit der USA reihenweise islamische Staatsfeinde tötet, resümierte damals, Terroristen seien einfach nicht mehr witzig. Four Lions berichtigt diese Auffassung nun nicht nur mit einer waghalsigen Mischung aus Komik und Action, sondern traut sich noch mehr. Im Unterschied zum Hollywoodfilm der 1980er und 90er Jahre, als Terroristen noch als diabolische bis groteske Antagonisten agierten (Einsame Entscheidung), und zum Arthouse-Film der letzten Jahre, wo man sie zu innerlich zerrissenen Opferhelden stilisierte (Paradise Now), sind sie hier einfach nur drollige Deppen mit vielen kleinen menschlichen Fehlern. Die spannende Frage, an der sich Four Lions versucht, ist also die, ob man mit angehenden Terroristen, mit einem anarchistischen Haufen kindlich-naiver Männer mit wirren Ideen über Gott und die Welt sympathisieren kann. Funktionieren Terroristen überhaupt noch als monströse Feindbilder, wenn sie denselben Straßenjargon sprechen, dasselbe Fastfood essen, dieselbe Rapmusik hören, sich an derselben Populärkultur orientieren und mit ähnlich unsinnigen Alltagsproblemen hadern wie unsereins?

Im Mittelpunkt der temporeich erzählten und in einem hektischen, semidokumentarischen Kamerastil fotographierten Komödie stehen fünf junge britische Muslime, deren Identitätssuche sie von ihrer braven bürgerlichen Existenz in Sheffield in ein paranoides pakistanisches Terrorcamp und wieder zurück führt. Der gewissenhafte Omar, der fügsame Waj, der erfinderische Faisal, der unerfahrene Hassan und der zum Islam konvertierte, besonders fanatische Barry bilden diesen kuriosen, glänzend gespielten Männerbund, dessen kulturelle Hybridität Grund für viele der komischen wie tragischen Dissonanzen des Films ist. Einige der Widersprüche in Handlung und Figurenzeichnung lassen sich aber nicht ganz mit dem durchgängig respektlosen Humor wegerklären. Das mutige Konzept, sich über die Figuren zu amüsieren und sie doch als eigenwillige Persönlichkeiten ernstzunehmen, ist mitunter holprig. So ist es durchaus komisch, wenn Omar den Plot von Der König der Löwen für seinen kleinen Sohn in ein Heldenepos über sich und seine Genossen umdichtet. Doch warum er als moderner, aufgeklärter islamischer Mann bereit ist, das idyllische Leben seiner Familie für einen »heiligen Krieg« zu gefährden, erschließt sich nicht. Vielmehr scheint es so, als sehnten sich diese netten, höflichen Jungs von nebenan bloß nach der Bestätigung, die ihnen als vermeintlich selbstlose Märtyrer von ihren fähigeren Mitstreitern zustände. Sie scheitern aber unentwegt an ihren eigenen Unzulänglichkeiten.

In der Tradition berühmter Comedy- Teams wie Laurel und Hardy oder den Marx Brothers, deren filmischer Militäreinsatz dazu diente, die Kriegsmaschinerie und die sie treibende Ideologie aufs Korn zu nehmen, handelt es sich auch bei den Protagonisten von Four Lions eben nicht um Helden. Sie sind gerade deshalb so einnehmend, weil sie die Dogmen der Gruppe, der sie angehören möchten, unfreiwillig ad absurdum führen. Die Abenteuer des fröhlichen, sich ständig kabbelnden Männervereins gestalten sich so als eine regelrechte Nummernrevue voll abstruser Situationskomik, cleveren Malapropismen und pechschwarzem Humor. Entgegen der Befürchtungen einiger britischer Produktions- und amerikanischer Verleihfirmen, und nicht zuletzt eines CSU-Bundestagsabgeordneten, der davor warnte, den Film in Deutschland zu zeigen, bewegt Four Lions mit seinem bizarren Blick in die Terroristenpsyche aber nicht nur das Zwerchfell, sondern auf dem dramatischen Endspurt in den Tod auch das Herz – zu den melancholischen Klängen von Aphex Twin. 2011-04-18 09:49
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