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An einem Samstag

V Subbotu. RUS/UA/D 2011. R,B: Alexander Mindadze. K: Oleg Mutu. S: Dascha Danilowa, Iwan Lebedew. M: Mihail Kowalew. P: Non Stop Production, Bavaria Pictures u.a. D: Anton Shagin, Svetlana Smirnova-Martsinkievich, Stanislav Rjadinskij, Wasilij Gusow, Aleksej Demidow, Vjacheslav Petkun, Sergej Gromow, Uljana Fomitschewa u.a.
99 Min. NFP ab 21.4.11

Tanz über dem Abgrund

Von Carsten Happe Während ich diesen Text schreibe, ist das verheerende Erdbeben in Japan nur wenige Tage alt. Seine Auswirkungen auf den Atomreaktor Fukushima und die anderen Kernkraftwerke sowie ihre weitreichenden Folgen sind kaum absehbar. Sie rücken eine zuletzt weitgehend diffuse Angst und eine allenfalls leicht köchelnde Debatte um den Ausstieg aus der Atomenergie wieder in den gesellschaftlichen Fokus. Und es ist ein fast zynischer Zufall, daß dies beinahe genau 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl passiert, als die Schmelze eines Reaktorkerns den Super-GAU markierte.

An einem Samstag – damit ist natürlich jener 26. April 1986 gemeint – ist weit davon entfernt, eine dokumentarische Rekonstruktion der Ereignisse in Tschernobyl und der nahegelegenen Stadt Prypjat zu sein. Er beansprucht keinerlei Objektivität oder bietet eine Einordnung der Geschehnisse an – wie auch? Selbst in einem so hochentwickelten Staat wie Japan zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Nachrichtenlage noch Tage nach der Katastrophe ebenso unsicher wie undurchsichtig. Die Informationspolitik in der Sowjetunion während der Hochphase des Kalten Krieges ist dagegen eine ganz andere Nummer. Nein, An einem Samstag setzt voll und ganz auf den subjektiven Blick und stellt aus seiner eigenen wie eigenwilligen Perspektive sein Bild des Desasters – und vor allem dessen unmittelbarer Bewältigung, respektive Verleugnung – zusammen.

Valerij Kabysh hat die Explosion des Reaktors und den anschließenden Brand gesehen. Der junge Parteifunktionär hetzt durch die Gänge auf dem Betriebsgelände des Kraftwerks, er will Antworten und erntet nur Beschwichtigungen. Er rennt, stolpert und stürzt in die Stadt, zu seiner Freundin Vera. Seine besorgte Aufgeregtheit zerstört ihren unbekümmerten, sonnigen Samstagmorgen. Er zerrt sie zum Bahnhof, doch den Zug, der Prypjat verläßt und sie möglicherweise in Sicherheit bringen könnte, verpassen sie knapp. Das wahre Ausmaß der Katastrophe ist kaum abzuschätzen und erst recht nicht der ungläubigen Freundin klarzumachen. Es ist ein herrlicher Frühlingstag, die Menschen spazieren im Park, sie feiern Hochzeiten, die Kinder spielen auf der Straße. Das Tempo verlangsamt sich, ein gebrochener Schuhabsatz bringt es kurzzeitig vollends zum Erliegen. Ist es ein Anflug von Irrationalität oder das Eingeständnis der Ausweglosigkeit, daß Valerij keine weiteren Fluchtversuche unternimmt?

Eine Hochzeitsparty steuert langsam ihrem Höhepunkt entgegen. Vera singt dort mit ihrer Band. Valerij nimmt den Platz des wegen Trunkenheit ausgefallenen Drummers ein. Der Tanz über dem Abgrund, der sich allegorisch in die Bilder drängt, manifestiert sich als zentrales und konkretes Motiv des Films. Die Gefahr bleibt evident, aber sie ist unsichtbar und als solche leicht auszublenden, wenigstens für den Moment, für einen Augenblick des Glücks, für eine verzweifelte Verlängerung dieses Glücksmoments – noch eine Flasche Wein, noch ein Tanz, es ist so ein schöner Tag, ein unschuldiger Samstag, der letzte seiner Art.

Die Kameraführung des Rumänen Oleg Mutu, der mit seiner Arbeit an Der Tod des Herrn Lazarescu und Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage bedeutenden Anteil am Aufschwung des neuen rumänischen Films hat, bleibt auch in der zweiten Hälfte von An einem Samstag, die sich fast ausschließlich auf der Hochzeitsfeier abspielt, hyperaktiv, bisweilen hektisch, und immer hautnah an den Protagonisten. Die Anspannung und Nervosität ist fast physisch greifbar, und sie schlägt nur langsam in eine verzweifelte Ausgelassenheit um, der der bittere Beigeschmack der Ungewissheit wieder und wieder anzumerken ist. Das ist nicht immer unanstrengend, zumal die Inszenierung und die Dialoge des Regisseurs und Autors Alexander Mindadze die Befremdlichkeit der Situation noch verstärken. Bisweilen mutet die Szenerie in ihrer gewollten Künstlichkeit wie versprengte Versatzstücke einer postmodernen, existentialistischen Theateraufführung an, die in der Groteske zur Wahrheit findet. Manchmal aber auch, wie bei einer bizarren Begegnung auf der Straße vom Reaktor zur Stadt, scheint sie wie eine schnöde Momentaufnahme aus einem Zombiefilm wie Dawn of the Dead entlehnt. Die Kunst und die Schönheit, die Profanität des Schreckens – im Augenblick der Apokalypse liegen sie unendlich nah beisammen. 2011-04-18 09:42

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