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Gegengerade

D 2010. R,B: Tarek Ehlail. B: Moses Anrdt. K: Mathias Prause. S: Oliver Don, Lars Doneith. P: Norddeutscher Rundfunk, Saarländischer Rundfunk, Sabotakt Filme, Studio Hamburg Filmproduktion. D: Timo Jacobs, Denis Moschitto, Mario Adorf, Fabian Busch, Natalia Avelon, Claude-Oliver Rudolph, Dominique Horwitz, Uwe Rohde u.a.
100 Min. Sabotakt ab 31.3.11

A game of chess

Von Frederik König Einen wirklich gelungenen Film zeichnet aus, daß er selbst nach wiederholtem Genuß seinem Betrachter nicht erlaubt das Werk zu analysieren oder zu zersetzen, weil der hypnotische Sog den analytischen Verstand jedes Mal wieder außer Kraft setzt. Bei einem wirklich mißlungenen Film verhält es sich umgekehrt: Von Anfang an versucht man etwas zu greifen, Halt zu finden, um endlich dem Geschehen auf der Leinwand folgen zu können. Trotzdem schaltet sich immer wieder der analytische Verstand ein, der unaufhörlich durch jeden Fehler aufgeweckt und alarmiert wird. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, daß man an einem solchen Film meist mehr lernt als an den großen runden Meisterstücken. Es gibt Filmemacher, die bewußt »Fehler« in ihre Filme einbauen, um ihr Publikum aus der Hypnose eines Films aufzuwecken und sich damit auf Traditionen wie den Brechtschen Entfremdungseffekt beziehen. Es geschieht leider jedoch viel öfter, daß in dem Bestreben, einen unterhaltsamen Film herzurstellen, durch irgendeinen Grund Entscheidungen im Prozeß der Filmwerdung getroffen werden, die zu einem völlig verkorksten Endergebnis führen.

Gegengerade scheint seine Fehler leider weniger dem reflektierten Umgang mit Monsieur Brecht zu verdanken: Obwohl die Anlagen dieses Films einige Erwartungen schüren, scheint bei der Ausführung irgendetwas schief gegangen zu sein. Die Geschichte um drei Freunde, die in den Wirren des Lebens als radikale St.-Paulifans gerade ihrem großen Etappenziel, dem Sprung des Vereins in die erste Liga, entgegenfiebern, läuft hier leider ins Leere. Anstatt stringent eine Geschichte zu erzählen, fächert sich der Film gleich zu Anfang auf, führt neben den drei Hauptfiguren etliche Nebencharaktere ein, die mit der Haupthandlung teilweise überhaupt nichts zu tun haben und in ihrer Zeichnung, trotz gewollt markiger Kiezsprüche und Machotum, platt bleiben. Das wirklich gute Schauspielensemble weist unter anderem Namen wie Mario Adorf (!), Dominique Horwitz oder Dennis Moschitto auf. Leider glaubt man den Akteuren kaum die Rollen, die sie spielen. Alles in allem: Man »lernt« in diesem Film eine Menge über Drehbuchschreiben, Schauspielführung, Kamera, Montage usw., kann sich jedoch nicht versenken und fühlen, was der Regisseur wahrscheinlich mit seinem Film zum Ausdruck bringen wollte: Den Mikrokosmos Fankultur, die freundschaftliche Bande zwischen Männern, die von sich selbst behaupten: »Wahre Liebe gibt es nur unter Fußballfans«.

An einer zentralen Stelle des Films brüllt einer der drei Fußballfreunde, sein Lebensmotto sei: »Stop thinking – start action«. Als Zuschauer wünscht man sich gleiches, wenn man sich den Film anschaut. Daß sich das Bewußtsein abschaltet und man sich in dem bunten Treiben endlich verliert – aber leider umsonst. Auf der anderen Seite sollte man vielleicht beim Filmen manchmal auch etwas mehr nachdenken, bevor man mit der action beginnt. Oder, um es mit den Worten des Shao Lin yu Wu zu sagen: »A game of chess is like a swordfight. You must think first – before you move«. 2011-04-16 15:01

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