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Der Name der Leute

Le nom des gens. F 2010. R,B: Michel Leclerc. B: Baya Kasmi. K: Vincent Mathias. S: Nathalie Hubert. M: Jérôme Bensoussan, David Euverte. P: Delante Films, Karé Productions. D: Sara Forestier, Jacques Gamblin, Carole Franck, Zinedine Soualem, Michèle Moretti, Jacques Boudet, Lionel Jospin, Antoine Michel u.a.
103 Min. X-Verleih ab 14.4.11

Viel Feind, viel Verkehr

Von Matthias Wannhoff Wenn Franzosen von »la petite mort« sprechen, dann meinen sie nicht ihren Staatschef, mag dieser auch ein echter Giftzwerg sein. Nein, das Bild vom »kleinen Tod« ist für jenen Moment des Liebesspiels reserviert, bei dem sich der Körper kurz anfühlt, als wolle er dem Geist Adieu sagen. Lesern, denen diese Einstiegspointe selbst für eine Filmkritik zu primitiv war, sei versprochen, daß der thematische Schwenk von Öffentlichkeit zu Orgasmus in Der Name der Leute um einiges überzeugender daherkommt. Wenn auch nicht weniger rabiat.

Bahia, eine junge Algerierin, macht sich in Michel Leclercs Film ausgerechnet die amourösen Affekte ihrer Geschlechtspartner zunutze, um ein politisches Projekt zu verfolgen: Just dann, wenn die – vornehmlich konservativen – Herren ihren kleinen Tod sterben, flüstert sie linke Parolen in ihr Ohr, damit sich die Ideen ohne Umschweife im bürgerlichen Unbewußten festbeißen. Das nächste Opfer glaubt sie in Arthur gefunden zu haben, einem biederen Tierarzt und Seuchenfachmann. Als dieser im Radio zu einer möglichen Vogelgrippe-Epidemie befragt wird, liest sie ihm sogleich die Leviten: Wenn schon die Enten gefährlich seien, dann kämen bald die Austern, nach den Austern die Kühe, und nach den Kühen seien ja bekanntlich die Migranten dran. Schnell aber findet nicht bloß Arthur Gefallen an der wesentlich jüngeren Aktivistin, sondern auch sie an ihm. Denn in dem Sakkoträger steckt ein veritabler Linker.

Arthur Martin, Bahia Benmahmoud: Mit dem einen Namen wird man in Frankreich kaum auffallen, mit dem anderen um so mehr – wie es Leclerc und seine Ko-Autorin Baya Kasmi aus eigener Erfahrung kennen. Daß ihnen das Projekt eine Herzensangelegenheit war, spürt man schnell. Denn es ist beispiellos, wie viel politischer Brennstoff hier in ein Genre gegossen wird, das den Ruf hat, traditionell »leichte« Filme hervorzubringen. Wenn Auschwitz, Algerien-Krieg, Pädophilie, Sarkozy und Zweckehen in einer französischen Liebeskomödie verhandelt werden, muß jedoch mehr dahinter stecken als die Lust an der Provokation. Und tatsächlich entwirft Der Name der Leute auch das Psychogramm einer tief gespaltenen Nation.

Leclercs Frankreich ist vor allem auf der Flucht vor der eigenen Geschichte. Bahia wird aufgrund ihres Namens gerne für eine Brasilianerin gehalten, obgleich Algerien der kollektiven Erinnerung so viel näher sein müßte. Arthurs Vater, der selbst in Algerien gekämpft hat, betäubt sich damit, stets die neueste Technik im Haus zu haben – als könne der Chic der Zukunft die Lumpen der Vergangenheit aufwiegen. Daß die Großeltern von den Nazis getötet wurden, ist im Hause Martin seit jeher ein Tabuthema. Bis Bahia dazustößt, die fleischgewordene Übersprungshandlung.

Dabei ist auch ihre Agenda komplexer, als es zunächst scheint. Ihre Rebellion gegen das rechte Lager arbeitet sich zwar an einem der Feindbilder ab, die man eigentlich mit der Moderne begraben glaubte; jene politische Zwei-Reiche-Lehre wird aber zugleich zerschlagen, indem Bahia jeden unter den missionarischen Generalverdacht stellt, Faschist zu sein. Die Krise in Der Name der Leute ist deshalb auch eine Krise der Ideen. Kein Schauplatz wäre für diese Diagnose passender als Frankreich: Einst verkündeten hier die Philosophen das Ende der großen Erzählungen. Drei Jahrzehnte später scheint die Erzählung von Gut und Böse zwar verschwunden, allerdings auf Kosten der Guten.

»Leicht« ist Leclercs Film dennoch. Das liegt, neben dem Schabernack der offen unzuverlässigen Erzählung, maßgeblich am Personal vor der Kamera: Sara Forestier, die für ihre Rolle mit dem César ausgezeichnet wurde, darf sich ab sofort die frankophone Zooey Deschanel nennen. Zinedine Soualem als Bahias allzu opportuner Vater ist anrührend. Und kein anderer Mime gibt dem verunsicherten französischen Bürgertum derart ein Gesicht wie Jacques Gamblin. Dessen Figur ist in einer fabelhaften Szene ganz außer sich, als sie der pensionierten linken Gallionsfigur Lionel Jospin im eigenen Wohnzimmer die Hand schütteln darf. Auch dies mutet postmodern an – wie die Nonchalance, mit der den ganzen Film hindurch Buchstäblichkeit und Bedeutung, Geschichte und Erzählung gegeneinander ausgespielt werden. Es scheint, als sei die Dekonstruktion im Mainstream-Kino ihrer Geburtsstätte angekommen. 2011-04-11 10:26

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