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Alles, was wir geben mussten

Never Let Me Go. USA/GB 2010. R: Mark Romanek. B: Alex Garland. K: Adam Kimmel. S: Barney Pilling, Peck Prior. M: Rachel Portman. P: DNA Films. D: Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrew Garfield, Charlotte Rampling, Sally Hawkins, Nathalie Richard, Andrea Riseborough, Domhnall Gleeson u.a.
103 Min. Fox ab 14.4.11

Geben ist seliger denn nehmen

Von Carsten Happe Es ist kaum möglich, über Alles, was wir geben mussten zu schreiben und dabei spoilerfrei zu bleiben. Auch wenn es der Trailer und die Inhaltsangaben des Verleihs bei Andeutungen belassen – und damit dem zurückhaltenden Ton des Films durchaus nahekommen –, ist es doch frühzeitig evident und tut dem Genuß des Films wenig Abbruch, vorab zu wissen: Kathy, Tommy und Ruth, die drei Protagonisten, zusammengeschweißt seit ihrem gemeinsamen Aufwachsen im Internat Hailsham, sind Klone. Erschaffen zu dem einzigen Zweck, Organe zu spenden und das Überleben Anderer zu sichern. Diese Pflichterfüllung wird ihnen seit frühester Kindheit, zunächst indirekt, später immer offenbarer, dringlich auferlegt, wobei der unbedingte Gehorsam und das Verlangen nach Disziplin Hailsham kaum von anderen englischen Internaten Ende der 1970er Jahre unterscheidet, die ständige Überwachung ist allenfalls ein wenig strenger und augenfälliger.

Auch die Frage, weshalb Kathy, Tommy, Ruth und die anderen nicht rebellieren, nicht ausbrechen und verschwinden, sobald sie Gewissheit über ihr vorgezeichnetes Schicksal haben, stellt sich nicht. Dies ist ihr Leben, es ist alles, was sie haben und besiegelt, daß sie es zum Wohle der Allgemeinheit vorzeitig wieder hergeben müssen. Die Frage, welche sich sehr wohl stellt, ist folgende: Machen tiefempfundene Gefühle wie Liebe oder das Ausleben von Kreativität sie menschlicher und können sie gar eine Verlängerung ihres Daseins erwirken? Die Gerüchte brodeln, sobald sie Hailsham verlassen und die nächste Stufe ihres Weges beschreiten. Und ein Hauch von Blade Runner umweht die Hoffnung, die Unwissenheit zu durchbrechen, den großen, sorgsam für sie vorbereiteten Plan zu erkennen und ihn zumindest ein wenig aufzuhalten oder zu verlangsamen.

Unter dem lediglich mit groben Strichen skizzierten Science-Fiction-Überbau, der gerade durch seine minimalen Andeutungen umso größere Wirkung entfaltet, erzählt Autor Kazuo Ishiguro, dessen Vorlage vom Time Magazine als »bester Roman des Jahrzehnts« geadelt wurde, vor allem auch eine herzergreifende Dreiecksgeschichte. Kathy und Tommy sind füreinander bestimmt, selbst Ruth muß dies neidvoll anerkennen. Dennoch oder gerade deswegen drängt sie sich dazwischen; der fragilen Kathy bleibt nur der Zuschauerpart. Erst die neue Rollenverteilung ihres Erwachsenenlebens führt die drei wieder zusammen, unter geänderten Vorzeichen, mit tonnenschwerer Last auf ihren Schultern. Aber es sind universelle Fragen, die sie antreiben, und ein zutiefst menschliches Verlangen – und etwa die Tatsache, daß sie vergeblich nach ihrem Original Ausschau halten, ist eher ein Beweis dafür, daß sie ebenso einzigartig sind wie alle anderen Menschen auch.

Mit großer Sensibilität und genauem Gespür für die Zwischentöne haben Drehbuchautor Alex Garland und Regisseur Mark Romanek, dessen letzter Kinofilm One Hour Photo schon mehr als acht Jahre zurückliegt, Kazuo Ishiguros meisterhaften Roman auf die Leinwand gebracht. Die bittersüße Atmosphäre ist zu jeder Zeit stimmig, das Timing – selbst in der weitgehend verkürzten Hailsham-Episode – punktgenau. Unterstützt wird ihre Vision eines Englands, das sich im Laufe der 1970er und 80er Jahre eben nicht der Atomtechnologie verschrieben, sondern der Gentechnik einen zentralen Stellenwert zugeordnet hat, von einem grandios spielenden Ensemble; von Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley und ihren jugendlichen Äquivalenten, die dermaßen perfekt ausgewählt wurden (Casting: Kate Dowd), daß sie jede Erwähnung verdient haben: Isobel Meikle-Small als Kathy, Charlie Rowe als Tommy, Ella Purnell als Ruth.

Wie alle herausragenden Filme erschafft Alles, was wir geben mussten eine eigene Welt, die an den Bildrändern längst nicht aufhört, sondern weit darüber hinaus verweist. Die keine einfachen Antworten zuläßt, sondern unbehagliche Fragen stellt. Und die einen, welch passende Analogie zum ungleich treffenderen Originaltitel, so schnell nicht mehr losläßt. 2011-04-11 10:19

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