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Womb

D/H/F 2010. R,B: Benedek Fliegauf. K: Péter Szatmári. S: Xavier Box. M: Max Richter. P: Razor Film Produktion GmbH, Inforg Stúdió, Asap Films, arte France Cinéma u.a. D: Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight, István Lénárt, Hannah Murray, Ruby O. Fee, Tristan Christopher u.a.
107 Min. Camino ab 7.4.11

Mein Bauch so leer

Von Susan Noll Das Meer, diese schwermütige filmische Metapher, zeigt sich in Womb von seiner schönsten und auch bedeutungsvollsten Seite. Eingebettet in eine karge Küstenlandschaft, die von Regisseur Benedek Fliegauf nicht genau geographisch verortet wird, unwirklich scheint und sich daher einer mystischen Stimmung bedienen kann, spielt es auch in diesem Film eine zentrale Rolle. Alles Leben begann einmal im Meer und ohne Wasser könnte kein Organismus existieren. Gleichzeitig verkörpert es durch seine unbändige Kraft die todbringende Flut. Das Thema des Films deutet sich hier schon in der Inszenierung des geheimnisvoll wirkenden Schauplatzes an, nicht ohne Grund werden die Landschaftsaufnahmen von Kameramann Péter Szatmári in langen, ästhetisch ansprechenden Einstellungen in die Handlung eingebunden, die sich ohnehin viel Zeit für Beobachtung nimmt. Für Beobachtung einer Welt, in der das Leben der jungen Rebecca durch die Begegnung mit Thomas aus den Fugen gerät.

Als sie sich zum ersten Mal sehen sind sie Kinder, die in Erwartung eines großen Lebens in der grauen Küstengegend irgendwie zu leuchten scheinen. Sie sind hübsche Kinder, die mit ihren kleinen Augen die Welt um sich herum erkunden und sich dabei näher kommen. Doch die aufkeimende Romanze wird beendet, als Rebecca, die bei ihrem Großvater die Ferien verbracht hat, mit ihrer Familie nach Tokio zieht. Zwölf Jahre sehen sie sich nicht. Als Rebecca in den kleinen Ort am Meer zurückkehrt, in das leerstehende Haus ihres Großvaters einzieht und schließlich auch Thomas wiederfindet, ist alles wie damals. Die zwei halten zusammen, nichts kann sie trennen, bis ein schrecklicher Unfall passiert und Thomas getötet wird. Das Meer scheint plötzlich grauer als zuvor, das Wetter schlechter und Rebeccas Augen mit Tränen gefüllt. Plötzlich keimt ein Gedanke in der jungen Frau, der den Film schließlich vollkommen in eine zwischenweltliche Richtung lenkt, die sich zuvor schon durch die langsame und zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit oszillierende Inszenierung des Schauplatzes angekündigt hat. Rebecca möchte Thomas klonen lassen und das Kind selbst austragen. Eine Idee, die sich durch die leise Art, wie sie ausgesprochen wird, ebenso selbstverständlich in die Umgebung einbettet wie die vielen Fruchtbarkeits- und Lebensmetaphern, mit denen der Film spielt. Das schon beschriebene Meer, Blütenstaub und immer wieder das Bild von Bäuchen, die das Leben gebären können.

Stimmig ist die ästhetische Anordnung des Films in einem zeitlosen Raum, der fraglos in der Zukunft spielt, dies aber nie thematisiert. Seine zeitliche Enthobenheit macht Womb mit seiner kontemplativen Erzählweise zu einer Reise für das das Kunstkino liebende Auge. Doch stößt man am Rande dieser Welt schnell auf Grenzen, die dem Erzählten seine Wirkung nehmen. Die Langsamkeit lähmt nicht nur die Spannung, sie entschärft auch den Konflikt, der unweigerlich in der Thematik verankert liegt. Zwar ließe sich in der isolierten Küstenwelt, in welche sich Rebecca mit ihrem heranwachsenden Sohn beziehungsweise Geliebten zurückzieht, das Drama als feinsinniges, vom gesellschaftlichen Kontext abgelöstes und damit keinen Zwängen unterworfenes Kammerspiel entfalten, doch schafft das bloße Zeigen leider noch keine Bedeutung. Zumal das Problem um die Unmöglichkeit des wiedererschaffenen Lebens, des Zurückdrehens der Zeit von Beginn an auf der Hand liegt, man sich fragt, was die Protagonistin nur damit bezwecken möchte, wo es doch schon aussichtslos scheint, daß sie ihren Geliebten auf diese Weise jemals für sich zurück gewinnen wird. Leider fällt damit die Verbindung zwischen Zuschauer und Figur stark ab, kann kaum noch mit der Heldin gelitten werden, weil man sich fragt, was sie sich eigentlich anderes erwartet hat. Auch hier fehlt es an Spannung, an Facetten in Figur und Handlung. Eva Green bei ihrer innerlich stattfinden Auseinandersetzung mit ihrer Tat zuzuschauen, ist zwar eine Freude für das Auge. Doch auch wenn der Film stark ist in seiner Grundidee der Nichtverortung, die einen leisen Science-Fiction-Film mit einem feinen Subtext hätte schaffen können, so erzählt er leider letztendlich zu wenig über das Leben. 2011-04-05 18:51
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